Metropolis 21

Sonntag, 22. August 2010

von Johannes Hellmich

Dresdens Union diskutiert dieser Tage, wie unsere Stadt zum Zentrum einer europäischen Metropolregion werden kann. Dass Dresden bereits zur Metropolregion Mitteldeutschland gehört, hat sich offenbar noch nicht bis in die Parteizentrale herumgesprochen. Paradoxerweise haben Rohwers Visionen dennoch einen realen Kern. Dabei müssten die Christdemokraten die Erfüllung ihrer Hoffnungen eigentlich fürchten. Für eine Metropole im klassischen Sinn hat die Union denkbar schlechte Voraussetzungen geschaffen. Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Begriffsbestimmung.

Nicht nur stehen wir nach zwanzig Jahren Freiheit und vorwiegend populistischer Indoktrination der Dresdner Bürger vor einem kulturellen Scherbenhaufen. Hinterwäldler aus Ost und West haben zugleich letztes Großstadtgefühl beseitigt. Ziel war im Kern immer die Transformation Dresdens zum Wohn- und Gewerbepark im gepflegten Ambiente. Dresden als Moloch ist, ginge es nach der Union, also eher nicht zu erwarten.

Begrifflich hat sich die Metropole ohnehin bereits weit von ihrer herkömmlichen Bedeutung entfernt. Die marketingverdächtige Bezeichnung hat praktisch den Ballungsraum abgelöst. Seit 2005 gilt jede deutsche Stadt über vierhundert Tausend Einwohnern als Kernstadt einer “kleineren” EMR. Da kann sich die Metropolregion Mitteldeutschland eigentlich schon sehen lassen. Ins geografische Zentrum dieser Region wird es der Außenposten Dresden ohne Umzug vermutlich nicht ganz schaffen. Ob Herr Rohwer Dresden deshalb aus diesem Verbund herauslösen will, um mit einer entvölkerten Lausitz eine eigene Metropolregion zu bilden, bleibt eine spannende Frage.

Europäische Metropolen wie London, Budapest, Wien, Berlin, Paris oder Lissabon waren und sind neben ihrer Wirtschaftskraft immer auch Zentren humanistischen Geistes, nicht aber konservative Beamtenstädtchen wie das beschauliche Elbflorenz, wo inzwischen Dumpfheit und Spießertum, wie kaum irgendwo sonst, trotzig den Ton angeben. Metropolen sind aufregend und anregend. Sie sind Magnet für Menschen, die anderes suchen als schöne Weihnachtsmärkte und tadellose Straßen. Metropolen brauchen antreibende Individualisten und Individualität. Sie müssen nicht mit verpflichteten Dirigenten prahlen. Als totalitär beschimpfen sie ihre Eliten schon gar nicht. Metropolen sind Teil der Welt und Zuflucht für Weltbürgerlichkeit und Avantgarde, nicht No-Go-Areas für Einwanderer und Asylsuchende. Es käme europäischen Metropolen nicht in den Sinn, Verträge mit Weltorganisationen zu brechen oder Kulturträger zu denunzieren.

Aber darum geht es der Union offenbar auch gar nicht. Ihr Ansatz ist wesentlich profaner. In einer Pressemitteilung wünscht sie sich:

…, dass das Zukunftspapier Antworten auf die Herausforderungen geben müsse, die auf Dresden in nächster Zeit zukommen. Darunter zählen vor allem ein stärkere Zusammenarbeit mit dem Umland, eine zunehmende Alterung der Gesellschaft, die sich mehr und mehr vereinzelt, weniger staatliche Fördermittel und nicht zuletzt eine unsichere Entwicklung der Kommunalfinanzen.

Damit ist Dresden allerdings kein Einzelfall. Dass Alterung und Vereinzelung der Gesellschaft irgendetwas mit eigenem Regierungshandeln zu tun haben könnte, darauf verfallen Rohwer und seine Parteistrategen naturgemäß nicht. Die Wüstungen des weiteren Umlandes aber haben einen trivialen Grund: Landflucht durch eine verfehlte Wirtschafts- und Familienpolitik. Daran ändert auch ein Babyboom in Deutschlands Geburtenhauptstadt nichts. In Sachen Dynamik mag beispielsweise Leipzig der Landeshauptstadt um Längen voraus sein. Das, was Großstadt erst zu einer solchen macht, sind jedoch die so genannten weichen Standortfaktoren: Stadt nämlich als pluralistischen Begegnungsraum hat eine Regierungspartei für Dresden erfolgreich verhindert; ihre Bewohner sind heute oft nur noch sprachlos aggressiv. Gründe für die lähmende Frustration bleiben unerkannt oder ignoriert.

Auch wenn die Union zu einem Großteil verantwortlich ist für die Probleme, die sie nun durch die Installation einer Metropolregion mit Zentrum Dresden lösen will, hat sie die kommunale Situation durchaus begriffen, denn städtisches Gemeinwesen kann Verantwortlichkeiten nicht nach unten weiterreichen. Diese Einsichten sind kein Zufall. Was allzu gern mit der Finanzkrise und Steuerausfällen begründet wird, hat seine tieferen Ursachen in einer dramatischen Verschiebung des gesellschaftlichen Machtgefüges: Das Verschwinden der großen Volksparteien geht einher mit dem Verlust staatlicher Autorität. Zum sichtbaren Zeichen für diese Auflösung ist teils jahrzehntelanger lokaler Widerstand gegen ideologisch erstarrte Großprojekte geworden, gleich, ob sie Gorleben, WSB oder, wie gegenwärtig zu erleben, Stuttgart 21 heißen. Verstellt bleibt den Herrschenden aber auch die Möglichkeit, durch Expansion von Macht- und Wirtschaftsstrukturen einem Kontrollverlust zu begegnen: Längst verblasst ist die Utopie der europäischen Integration, die mehr sein sollte, als eine ökonomische und rechtliche Zweckgemeinschaft.

Die Abkehr von entgrenzten Makrosystemen bringt nun die griechische Polis zurück. Viele Menschen begleiten diese Entwicklung durchaus zustimmend. Antrieb dafür ist ein tief sitzender Wille zur Überschaubarkeit. Basis aller Interaktion wird erneut der unmittelbare Erfahrungsbereich. Vom gegenwärtigen Tiefpunkt individueller Ohnmacht aus gesehen, bedeutet das für den Bürger neue Einflussmöglichkeit, langfristig auch die Entmachtung von Parteipolitik in der Kommune.

Die griechische Polis war der Geburtsort der europäischen Demokratie. Für eine aufstrebende Stadt ist diese Renaissance nicht die schlechteste Inspiration. Wenn zugleich mit der Herausgehobenheit Dresdens um mehr Demokratiekompetenz für ihre Bürgerschaft gerungen wird, wäre das um so besser. Ein Metropolis, wie es Fritz Lang beschreibt (dessen Film übrigens zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehört), ist nur dann vermeidbar, wenn die Demagogien der Kommunikations- und Politikindustrie mit ihren lokalen Auswüchsen Donsbach und Patzelt den unerfahrenen Bürger nicht mehr gefährden können. Für diejenigen Dresdner, die (um mit Richter Brauns zu sprechen) durch nichts legitimiert sind – außer eben ihrer Bürgerschaft – sind jene rechtspopulistischen Kräfte, die uns bis hierher geführt haben, dann durchaus verzichtbar.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 30.12.2010 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. “Der Staatsdienst muss zum Nutzen derer geführt werden, die ihm anvertraut sind, nicht zum Nutzen derer, denen er anvertraut ist” – schrieb schon Marcus Tuillius Cicero, der 106 – 34 v. Chr. lebte. Ich denke es ist an der Zeit, dass sich die Herren Demagogen Vaatz, Mücke, Brauns, Patzelt und Donsbach (auch noch einige andere sind zu nennen), sich diesen Ausspruch nun endlich mal hinter die Ohren schreiben und die Dresdner nicht noch länger verdummen. Das nur zur Bemerkung über die griechische Polis, die von Johannes Hellmich erwähnt wurde.

    … schrieb Dieter Zatzkowski am Dienstag, dem 31.08.2010, um 12:30 Uhr.