„… dann stecken sie ’s Geld in den Osten.“

Sonntag, 5. September 2010

Der Schauspieler Walter Sittler, der zu den bekannten Gesichtern der Stuttgarter Bürgerbewegung für den Erhalt eines Kopfbahnhofs zählt, beschreibt in einem Studiogespräch die Verlustängste braver Bürger, die zu lange zu viel akzeptiert haben und nun plötzlich auf die Straße gehen.

Gemeinsam mit dem Architekturstudenten Hannes Rockenbauch untersucht Sittler die Argumente vieler oft älterer Protestierer, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben auflehnen. Sie gehen aber auch mit großer Klarheit auf oft kurzsichtige Motive von Lokalpolitikern ein. Kaum überprüfbare Zahlenspiele der Befürworter des Großprojekts werden ebenso kritisch hinterfragt wie die offenbar verbreitete Ansicht, man solle das Geld lieber in Stuttgart verbuddeln, statt es in den Osten zu stecken. Das verkehrspolitische Postulat des letzten Jahrhunderts “Schneller! Höher! Weiter!”, das noch immer den Handlungshorizont der Politik bestimmt, ist für die Unterstützer der Proteste endgültig gescheitert.

Auch viele Dresdner haben diesen demokratischen Reifeprozess – wenn auch unbewusst und zunächst ohne sichtbare Erfolge – in den letzten Jahren erlebt. Einen Runden Tisch, wie er in Stuttgart geplant ist, gab es für sie nicht. Halbherzige Vermittlungsbemühungen scheiterten am fehlenden Kompromisswillen der Brückenfreunde. Die Bundeskanzlerin ist bis heute die Einlösung ihres Moderationsangebotes schuldig geblieben. Die politisch-mediale Ausgrenzung der Welterbebewegung aus dem demokratischen Prozess muss deshalb aber nicht das Ende aller Entwicklungen bedeuten.

Trotz einiger technischer Mängel der Aufzeichnung und möglicher Probleme beim Streaming ist dieses Studiogespräch unbedingt zu empfehlen. Die klugen Analysen zweier überzeugter Demokraten, ihre Erfahrungen und Visionen sind wegweisend und inspirierend.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Liebe Freunde,
    ich nehme an, dass Ihr wie ich die Fernsehbilder über den Polizeieinsatz gegen die Gegner des Stuttgart 21-Projektes gesehen habt. Wie sich die Bilder gleichen. Nur dass die Brutalität der Beamten in Stuttgart weit über Dresdner Verhältnisse hinausgegangen ist.
    Einen friedvollen Abend wünscht
    Jürgen

    … schrieb Jürgen Karthaus am Donnerstag, dem 30.09.2010, um 21:28 Uhr.

  2. Ja, es ist erschreckend, wozu Politik fähig ist, wenn sie merkt, dass sie mangels vernünftiger und verständlicher Argumente und mangels Kompromissbereitschaft unfähig ist zu führen und Konflikte abzubauen.

    Aber man kann stolz sein auf die Stuttgarter, die daraufhin ihren Protest noch verstärkten.

    … schrieb Silvia am Samstag, dem 02.10.2010, um 20:22 Uhr.

  3. zu diesem Dresden-Stuttgart Thema kann man heute in der Berliner Zeitung lesen:

    Berliner Zeitung, 13.10.2010

    …Häufig gibt es exzellente Gründe für die neue Fortschrittsskepsis. Dann wird Sankt Florian zum Helfer der Bürger beim Verhindern politischer Fehlentscheidungen. Denn tatsächlich erwiesen sich viele Großprojekte der vergangenen 20 Jahre als Irrtümer. Transrapid, Wiederaufbereitung von Atommüll, Leipzigs und Berlins Olympiabewerbungen, unzählige Freizeitbäder, zu große Müllverbrennungs- und Kläranlagen: Deutschlands Bevölkerung schrumpft, überdimensionierte Projekte werden nicht zwangsläufig durch Wachstum nachträglich sinnvoll wie in den 50er- und 60er-Jahren. Unsere Infrastruktur hat in vielen Bereichen ihre Wachstumsgrenzen erreicht oder überschritten.

    Zweitens: Die strukturell vermutlich dauerhaft sinkende Arbeitslosigkeit, gepaart mit der Tatsache, dass viele der mehr Älteren nicht mehr auf Arbeit angewiesen sind, entkräftet das Arbeitsplatzargument, mit dem in der Regel für Infrastrukturprojekte geworben wird.

    Und: Die Bedürfnisse haben sich verändert. Der physische und psychische Grundbedarf der meisten Menschen ist erfüllt. Die bürgerliche Mitte, das belegt auch der enorme Zulauf für die Grünen, stellt eine möglichst unversehrte Umgebung in den Mittelpunkt ihres Strebens nach Lebensqualität. Wirtschaftliche Argumente reichen nicht mehr aus, um auch nur geringste die Gefährdungen von Mensch und Natur zu rechtfertigen – ein Beispiel sind die geplanten Kohlendioxid-Speicher unter der Erde.
    Zyniker wie Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) mögen das “wohlstandsverwöhnt” nennen. Der richtige Begriff wäre: gesellschaftlicher Fortschritt.

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/314302/314303.php

    … schrieb Faust am Mittwoch, dem 13.10.2010, um 12:15 Uhr.