Der Wandel der städtischen Eliten

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Über den „Wandel der städtischen Eliten im Dresdner Stadtverordnetenkollegium von 1918-1933“ spricht die Historikerin und Bürgermeisterin von Lommatzsch, Frau Dr. Anita Maaß, am Montag, dem 01.11.2010, um 18:00 Uhr im Stadtarchiv Dresden (Elisabeth-Boer-Straße 1).

In der Verfassung von Weimar ist ein großer Gedanke tief verankert, den eine neuere Zeit in die Formel gekleidet hat: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Dieser Satz gilt auch für die Wahrnehmung von Parteiinteressen.

Nichts wollen wir abgestellt sein lassen auf den Eigennutz der Parteien; sie sind nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck; dieser Zweck ist das Wohl der uns anvertrauten Stadt und seiner Gesamtbevölkerung, ist darüber hinaus die Erhaltung der Selbstverwaltung. Weder die Lebensfragen der Selbstverwaltung noch die einer Stadt werden durch Parteipolitik gelöst.

Mit diesen Worten führte der linksliberale Oberbürgermeister von Dresden Dr. Wilhelm Külz (Deutsche Staatspartei) am 16.01.1933 die neugewählten Stadtverordneten in ihr Amt ein. Dresden befand sich in einer wirtschaftlichen und politischen Krise. Zu den Stadtverordnetenwahlen im November 1932 gaben 47 Prozent der Wähler ihre Stimme einer extremistischen Partei. Von den 75 Mandaten errangen die Nationalsozialisten (NSDAP) 22 und die Kommunisten (KPD) 13 Sitze. Der Wahlerfolg dieser extremistischen Parteien bezeugte das Scheitern der demokratischen Entwicklung auf kommunaler Ebene. Doch noch hoffte Oberbürgermeister Dr. Külz, die Stadtverordneten würden trotz der neuen Mehrheitsverhältnisse wegen der schwierigen Lage der Stadt zu einer ausgeglichenen Politik zurück finden. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass er selbst am 14.03.1933 beurlaubt und am 07.04.1933 vollständig aus dem Amt entfernt werden würde.

Dr. Anita Maaß analysiert in ihrer Dissertation den Wandel der städtischen Eliten im Dresdner Stadtverordnetenkollegium von 1918 bis 1933. Sie wird aus ihrem im Jahr 2009 erschienenen Buch lesen und dabei neue Forschungsergebnisse zum Scheitern der Weimarer Republik präsentieren.

Hierbei wird sie u.a. den Fragen nachgehen,

  • warum es nicht gelang, den Prozess der Demokratisierung zum Erfolg zu führen,
  • warum die Parteipolitik dominierte und
  • warum daher die Kommunalpolitik kein positiver Erfahrungsraum für die „Demokratie von Weimar“ werden konnte.

Die Dissertation orientiert sich an der Sichtweise der politischen Akteure, die das „Ende“ des politischen Weges der Weimarer Republik nicht voraussehen konnten. Eben ohne dieses Wissen mussten die Stadtverordneten das politische System gestalten.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 30.12.2010 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ohne den Einführungstext zur Veranstaltung überbewerten zu wollen, der mit dem Vortrag selbst hoffentlich keine gemeinsame Intention hat: Die Einstufung der KPD als extremistische Partei und ihre Gleichsetzung mit der NSDAP ist, wenn es um eine differenzierende Sichtweise aus dem historischen politischen Kontext heraus gehen soll, besonders problematisch.

    1. Parteipolitik war Ausdruck eines als modern aufgefassten Zentralisierungsstrebens. Der Subsidiaritätsgedanke hat an Bedeutung gewonnen in dem Maße wie Bestrebungen nach Verstaatlichung und Zentralverwaltung an Attraktivität verloren haben. Parteipolitik sah sich selbstverständlich als Instrument eines wie auch immer verstandenen Gemeinwohls, allerdings mit unterschiedlichen Prioritäten. Parteien betrachteten sich zugleich in einem viel umfassenderen Sinn als Träger teilweise diametral entgegengesetzter Gesellschaftsmodelle, die als extremistisch zu bewerten eine fragwürdige rückwirkende Verkürzung ist. Das trifft in gleicher Weise auf die rückdatierende Übertragung heutigen Demokratieverständnisses zu.

    2. Die SPD (als tragende Säule der deutschen Republik) hatte gerade im “roten Sachsen” eine starke Affinität zur KPD als weiterer Vertreterin der gemeinsamen Arbeiterbewegung, die letztlich auch zur Spaltung der Landes-SPD geführt hatte. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Programmatik der Sozialdemokratie starke marxistische Elemente enthielt. Die heute eher gesellschaftsneutrale Partei galt selbst lange als extremistisch und zählte zu den Reichsfeinden. In stark abgeschwächter Form lässt sich diese Stigmatisierung bei den Grünen der Anfangsjahre bzw. bei der heutigen Linken beobachten.

    3. Mit der Gleichsetzung von KPD und NSDAP werden die gängigen Stereotype der Bundeszentrale für politische Bildung verwendet, die politisch-historische Komplexität möglichst widerspruchsfrei in staatliches Selbstverständnis einpassen soll. Staatliche Geschichtsschreibung mit dem Ziel eigener historischer Legitimierung ist zwar de facto unvermeidlich, verstellt aber letztlich die vorurteilsfreie Sicht auf die gesellschaftlichen Entwicklungen im 20. Jhd.

    … schrieb visitor x am Samstag, dem 30.10.2010, um 10:55 Uhr.