Ostdeutsche Denkmäler vorn

Montag, 22. November 2010

von Eduard Zetera

Deutschland hat wieder mehr ausländische Gäste. Kultur zieht. Vor allem bei ausländischen Gästen. Und die kommen am liebsten nach Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, um sich Museen, Denkmäler und deutsches Brauchtum anzuschauen.

Das zeigt der Qualitätsmonitor Deutschland. Er wurde 2007 von der Europäische Reiseversicherung AG (ERV) und der Deutschen Zentrale für Tourismus e.V. (DZT) ins Leben gerufen.

Dazu Torsten Haase, Vorstand der ERV:

Mittlerweile ist der Qualitätsmonitor ein unentbehrliches Instrument für alle Entscheider im Deutschland-Tourismus geworden.

Und Petra Hedorfer, Vorsitzende des Vorstandes der DZT:

Durch die detaillierten Befragungen hilft der Qualitätsmonitor uns und unseren Partnern, Trends zu erkennen und die Wirksamkeit von Maßnahmen zu überprüfen. Bereits jetzt arbeiten DZT und ERV dabei mit zahlreichen Bundesländern, Regionen und Städten zusammen. Für die kommenden Jahre laden wir weitere touristische Marketingverbände in Deutschland ein, sich zu beteiligen.

Das ist Musik in Dresdner Ohren: 72% der ausländischen Gäste kommen wegen Museen und Ausstellungen. Spitzenplatz mit Abstand vor anderen Reiseanlässen. Und 86% der ausländischen „Kultururlauber“ wählen Sachsen als Ziel. Auch das Spitzenplatz, dicht gefolgt von Thüringen, Berlin und Sachsen-Anhalt, der Rest der Republik ist weit abgeschlagen.

Noch einen weiteren Spitzenplatz hat die Analyse zu bieten: Auf die Frage „Welche der nachfolgenden Prädikate oder Großereignisse stellen für Sie einen Reiseanlass dar, die jeweilige Stadt/Region zu besuchen?“ nannten 22% der ausländischen Gäste die Europäische Kulturhauptstadt und – Spitzenplatz! – 31% nannten die UNESCO Welterbestätten. Ist das nicht Musik in Dresdner Ohren? Schließlich sind wir ja Welterben der Herzen.

Da kann man Frau Hedorfer nur Erfolg wünschen, denn in Dresden muss sie wohl richtig dicke Bretter bohren.

Wir erinnern uns: Zuerst erklärten unsere Ministerpräsidenten das Welterbe für verzichtbar. Und kaum konnte man in die ersten Gästezahlen der „Nach-Welterbe-Ära“ einen Zuwachs hineininterpretieren, hieß es: Seht her, die Besucher kommen ja trotzdem. Ach! So weit sind wir also schon gekommen: Jetzt dürfen wir uns bereits freuen, wenn wir nicht schlechter geworden sind. Führungsanspruch sieht anders aus – Dresden will schließlich Heimstadt des Weltkulturgipfels werden, schon vergessen? Das einmal ganz abgesehen von der Tatsache, dass einer, der so argumentiert, den hier angerichteten ideellen Flurschaden nicht im Ansatz begriffen hat.

Doch das alles ist kein Ausrutscher. Nein, der Wahnsinn hat Methode. Er findet seine (ideo)logische Fortsetzung in der aktuell vom Innenminister Markus Ulbig betriebenen Demontage des Sächsischen Denkmalschutzes. Zu den zahlreichen und ausnahmslos vernichtenden Stellungnahmen der Fachwelt zur geplanten Novelle des Denkmalschutzgesetzes gesellte sich jüngst eine „Gutachtliche Beurteilung“ von OKR i.R. Dr.-Ing. habil. Ulrich Böhme, welche aus der kulturellen und historischen Perspektive heraus die Bedrohlichkeit der aktuellen Entwicklungen eindringlich darstellt und in ihrer Wertung zum „Geist der Novellierung“ nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt:

Unser Verhandlungsgegenstand wirft auch die Frage auf, für wie manipulierbar die „willigen Maultiere“ (MP) gehalten werden. Längst ist Unmut und Widerstand bewirkt. Das politische Kapital ist dabei, seine Grundwährung zu verlieren – das Vertrauen. Ein Lebensumfeld, in dem Denkmale aus egozentrischen Motiven verändert werden oder gar verloren gehen können, wird von der Bevölkerung eben nicht hingenommen. Tiefe Vorbehalte wachsen gegen die sich dahinter verbergende Ökonomisierung und Lobby-Demokratie in allen Lebensbereichen.

Die Gesetzesnovelle mit Argumenten wie „Sachzwang“, „Deregulierung“ oder „Bürgerfreundlichkeit“ zu verteidigen, wird als subtile Erpressung empfunden. Und es beleidigt die fachlich reiferen Einsichten, weil Denkmalschutz ein Wert der zivilisatorischen Entwicklung an sich ist. Deshalb kämpfen so viele aus zutiefst konservativer Überzeugung nicht für, sondern gegen den Geist der irrlichternden Novellierung; denn Kulturdenkmale sind nicht zuerst Immobilien, sondern eine geistige Kategorie.

Sollte die Novellierung gegen allen Widerstand mit den Stimmen der CDU/FDP durchgesetzt werden, differierte einmal mehr die übliche Gleichsetzung von politischer Mehrheit und Gemeinwillen. Ob daraus öffentlicher Protest oder „nur“ Resignation von bürgerschaftlichem Engagement sowie der mit Denkmalschutz Befassten folgen – es wäre verheerend.

Selbst wenn man wohlmeinend geneigt ist, das Agieren des Innenministers als neoliberal und wirtschaftsfreundlich zu interpretieren, wird man durch Studien wie die eingangs angeführte zur Tourismusentwicklung doch schnell eines besseren belehrt: Geschichte und Kultur sind eben auch (im Wirtschafts-Sprech:) Standortfaktoren. Wer die demontiert, der handelt nicht nur kulturlos und geschichtsvergessen, sondern eben auch ökonomisch unklug. Genau das tut unsere christlich-liberale Staatsregierung, welche uns so gerne glauben macht, volkswirtschaftliche Weisheiten mit Löffeln gefressen zu haben.

Ulrich Böhme schließt seine Stellungnahme mit den Worten: „Ein dreitausend Jahre altes Bibelwort aus dem Buch der Sprüche vermittle uns mehr als nur wages Hoffen:“

Mit Weisheit wird ein Haus erbaut
und mit Vernunft erhalten.

Allem Anschein nach vertritt unsere Staatsregierung die Auffassung, dass dieses Bibelwort lange genug gegolten hat.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ich denke, es ist sehr ärgerlich, dass Dresden immer noch von so vielen Touristen heimgesucht wird. Ich hatte mir vom Bau der Waldschlößchenbrücke da etwas Entspannung versprochen. Die ist ausgeblieben – ganz im Gegenteil kommen heute mehr Touristen als je nach Dresden. Wie konnte das passieren?

    Und dass Touristen sich bei der Auswahl ihrer Reiseziele am Welterbe-Label orientieren, bestätigt ja leider die Kritik einiger Brückendurchpeitscher, die dieses Label lediglich als ein als Tourismusmarktinginstrument bezeichnet haben. Ich finde es schade, das ausgerechnet die Dresdner Welterben dieser durch und durch kulturlose und unwürdige Position heute argumentativ nutzen. Ich bin von diesem Stellungswechsel ziemlich enttäuscht.

    … schrieb Simon Frederick am Dienstag, dem 23.11.2010, um 15:59 Uhr.