Die Goldene Pforte

Dienstag, 18. Januar 2011

von Johannes Hellmich

Uns’ren schönen Wahn zu preisen,
will ich einen Park anlegen,
als Gehege deiner Gesten,
als botanisches Gedicht.

André Heller: Das Lied vom idealen Park (1985)

Der Garten kam aus dem Osten zu uns. Für den großen Seelenkenner Oswald Spengler war die Verbindung von Vegetation und Architektur im Alten China seelischer Ausdruck einer ganzen Kultur. Für ihn gleicht Kultur selbst dem ortgebundenen Werden und Vergehen eines pflanzlichen Organismus. Florale Gestaltung gibt es in allen Kulturen. Der persische Garten ging über in den arabischen. Mit dem Islam kam das irdische Abbild des Paradieses nach Europa. Gärten und Parks, in denen auch die westliche Kultur eine reiche Formensprache gefunden hat, bleiben gleichwohl bis heute eher ein Randthema. Spenglers westliche, faustische Seele hat kein wesentliches Verhältnis zum Garten. Sie ist ruhelos; ihre Heimat ist die grenzenlose Einsamkeit des reinen Raumes. Sie muss sich befreien, sie muss unablässig aus dem Weg räumen, was sich ihr entgegenstellt; sie will diesen unendlichen Raum in unendlicher Beschleunigung bezwingen, erobern, ausbeuten, töten. Sie braucht keine harmonische Bindung zur Umwelt, sie sucht die abstrakte Freiheit unzähliger Möglichkeiten. Manchmal bekommt diese Seele allerdings Heimweh nach jener Natur, die sie im Grunde verachtet. Wenn sie erschöpft ist, wird sie sentimental. Wiedergutmachung ist angesagt. Meist wird der Schaden dann allerdings noch größer.

Das ist nützlich zu wissen, wenn wir die grünen Visionen des CDU-Stadtrates Brauns, die es nun doch in die regionale Presse geschafft haben, verstehen wollen. Im Faltblatt „Einblicke“ vom Oktober letzten Jahres, das die Unionsfraktion des Dresdner Stadtrates herausgibt, entwickelte Richter Brauns seine Idee vom Großen Garten, der bis an die Goldene Pforte des Rathauses heranreicht. „Wie wäre es“, will Brauns wissen, „wenn man aus der Goldenen Pforte des Rathauses in einen Park eintritt, der diesen Namen auch verdient hat, also landschaftsgärtnerisch gestaltet und insbesondere von Fahrzeugverkehr freigehalten ist?“ Eine berechtigte Frage. Hätte der Richter taubenfütternd auf einer Parkbank Frieden finden dürfen, statt im Plenarsaal für den Sieg der Demokratie kämpfen zu müssen, uns wäre vermutlich manche peinliche Szene erspart geblieben. Das Abfeuern städtebaulicher Signalraketen ist sonst eher ein Job für seine Parteifreunde Joachim Stübner und Jörn Marx. Aber beide gelten selbst als nicht mehr vermittelbar; Stübner (Vorschlag Tunnel vom Blauen Wunder bis Cossebaude) war in einer Groteske aus der Partei aus- und wieder eingetreten und Marx wurde von seinen Freunden wegen bekanntgewordener Zweispurigkeit im Straßenverkehr öffentlich hingerichtet.

Wie ernst dieses Diskussionangebot, das Hardliner Brauns mit dem Verkaufstrick garniert, die Offerte gelte nur für kurze Zeit, gemeint ist, darüber kann – abgesehen von den ohnehin nur vagen Formulierungen – die Situation im letzten Herbst Aufschluss geben. Als der Richter beim Blick aus dem Rathausfenster über den Abriss der sozialistischen Robotronbauten sinnierte, tobten in den Medien gerade die Wutbürger. Das war der Zeitpunkt, als die Union begriff, dass fehlgeleitete Frustration doch irgendwie die ewigen Verhältnisse hinter den goldenen Pforten der Macht verändern könnte. Die Grünen waren noch nicht als Dagegenpartei definiert und künftiger Hauptkonkurrent beim Kampf um das gemäßigte Bürgertum. Heiner Geißler hatte die Protestbewegung im Südwesten noch nicht ins Leere laufen lassen, die neue, von Geert Wilders unterstützte Berliner Antiislampartei war noch eine akute Bedrohung für die rechte Flanke der Union. Im Oktober letzten Jahres hatte die Union für einen Moment plötzlich Angst.

Angst ist der Grund, der Richter Brauns überraschend von attraktiver Naherholung schwärmen ließ, obwohl er gleichzeitig nicht das geringste Problem mit Zerstörung des Elbals am Waldschlößchen hatte. So kam es zur absurden Situation, dass Brauns den Dresdner Stadtpark vergrößern wollte, während sich sein Parteifreund im befreundeten Stuttgart an die Zerstörung eines 600 Jahre alten Schlossgartens machte. Zynismus ist der Reflex, der es Brauns ermöglicht, ein fragwürdiges Verkehrsprojekt gegen den Erhalt des Elbtales durchzusetzen und gleichzeitig im eigenen Wahlkreis Landschaftsschutz zu fordern. Machterhalt als einziges Kontinuum ist die Klammer, die jene atemberaubende Flexibilität politischen Gestaltungswillens aushält. Was der Richter über potentielle Kritiker seiner stadtplanerischen Vorstellungen tatsächlich denkt, hat er hinreichend klargestellt.

Und in der Sache? Kernstück der Umgestaltungspläne Brauns’ ist die unterirdische Verlegung der St.-Petersburger Straße. Brauns räumt ein, dass die Umsetzung seiner Vorstellungen mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnte. Sein Baubürgermeister Marx hat diese Ideen inzwischen als interessanten Vorschlag bezeichnet. Deutlicher kann man im Politsprech die Realisierungschancen kaum bewerten.

Wenn Brauns Hygienemuseum und Dynamostadion verschonen will, wird das sicher viele Dresdner freuen. Es zeigt zugleich auch den populistischen Ansatz seiner Gartenstadt. Ein Park ist nicht die Ansammlung einer bestimmten Anzahl von Bäumen, Sträuchern, Tieren und Wegen. Er kann nicht Füllmasse sein für städtebauliches Versagen oder Lückenbüßer für zögerliche Investoren. Er lässt sich nicht beliebig in Modulen erweitern, klonen oder versetzen. Parkanlagen sind Organismen. Es sind Orte, in denen Licht und Schatten lebendig werden, Zuflucht für beladene und heitere Seelen, Orte unendlich vieler Formen und Farben. Wirklich zuende gedacht ist das Projekt aus Unionssicht ohnehin nicht: Brauns würde sich mit dem grünen Anstrich einer verfehlten Stadtarchitektur neues Protestpotential fast ins Haus holen. Parkschützer hätten, wie wir in Stuttgart erleben, kaum Verständnis für unvermeidliche künftige Planspiele tatendurstiger Politbürokraten.

Was würde es nützen, dass der Friede eines Gartens an der Goldenen Pforte des Rathauses endet? Friedfertigkeit jenseits von Profilierungszwang einerseits und Harmoniesucht andererseits ist erlernbar. Am Waldschlößchen könnte Hans-Joachim Brauns damit beginnen.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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4 Kommentare zu diesem Artikel

  1. schade, dass diese ganze scharfzüngige geistvoll gesetzte rede letztlich nur dem ziel dient, zu zeigen, wer der böse feind ist.
    das ist verschwendung von geisteskraft.
    übrigens, wenn ich richtig sehe, gibt es das elbtal nach wie vor.

    … schrieb christian friedrich am Dienstag, dem 18.01.2011, um 17:59 Uhr.

  2. Frage an Christian Friedrich: Wenn Herr Brauns nun plötzlich versucht, sich den Dresdnern als Gartenbaudirektor zu empfehlen, verschwendet er dann nicht auch seine Geisteskraft?

    … schrieb Eduard Zetera am Dienstag, dem 18.01.2011, um 21:14 Uhr.

  3. So ein Park lockt auch Kleinwild an. Was, wenn sich Fuchs und Hase im Rathaus verirren? Hat Dr. Brauns einen Jagdschein?
    Wer kümmert sich im Winter um die Rehe?

    … schrieb visitor x am Dienstag, dem 18.01.2011, um 21:33 Uhr.

  4. @ E.Z.
    Ist da etwa welche, die verschwendet werden könnte?
    Niicht alles, was geschrieben oder gesagt wird, hat unbedingt mit geisteskraft zu tun.

    … schrieb christian friedrich am Freitag, dem 21.01.2011, um 20:36 Uhr.