Kulturpalast retten!

Freitag, 28. Januar 2011

von Margita Herz

Ein umstrittener Stadtrats-Beschluss vom 03.07.2008 soll zum Umbau des Kulturpalastes Dresden führen.

Dieser Beschluss wurde vom Hochbauamt der Stadt Dresden initiiert, das Finanz-Bürgermeister Hartmut Vorjohann unterstellt ist. Die kulturpolitische Dimension dieses Beschlusses verkannte der Stadtrat völlig. Auch elementare Finanz- und Wirtschaftszusammenhänge wurden damit nicht verbunden.

Seither fordern Bürgerinitiativen den Umbaustopp – nicht nur aus Gründen des Denkmalschutzes und des Urheberrechtes. Das Hochbauamt der Stadt Dresden wird dennoch nicht müde, zu betonen, dass der Umbau des Kulturpalastes preiswerter sei als die Sanierung des Hauses. Es geht sogar so weit, falsche Zahlen in den Umlauf zu bringen und seriöse Zahlen zu diffamieren (so im Herbst 2009 geschehen).

Zum Hintergrund

Die Bürger Dresdens wurden nie gefragt, ob sie den Umbau wollen. Zu Plänen für ein Bauwerk, welches über 40 Jahre als „Stadthalle von Dresden“ inmitten des Zentrums fungiert und mit dem die Bürger viele gute Erinnerungen verbinden, hätten die Bürger gefragt werden müssen! Zudem fand keinerlei Abwägungsprozess statt. Nach der Waldschlösschenbrücke ist das die nächste trübe Erfahrung der Bürger vor allem mit CDU-Politik. Im Jahr 2009 wurden bereits 17.000 Unterschriften für den Erhalt des Kulturpalastes gesammelt. Die Aktionen zum „Erhalt Kulturpalast“ gehen weiter.

Der Kulturpalast ist anerkannte, bedeutende Baukunst der Nachkriegsmoderne. Mit seinem Herzstück, dem Festsaal, bietet er außergewöhnliche Nutzungsmöglichkeiten, die auch die Fachwelt immer wieder in Erstaunen versetzen. Eindrucksvoll zeigt das u.a. ein Ausschnitt aus der Filmdokumentation „Was bleibt – Architektur der Nachkriegsmoderne in Dresden“ von Susann Buttolo und Ralf Kukula.

Der Kulturpalast ist beliebt wie eh und je. Die Auslastung vor allem durch die leichte Muse ist beispiellos. Das Haus ist fast jeden Abend ausverkauft und quicklebendig. Das Gebäude steht in seiner Gänze unter Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen schrieb 2008 dazu: „Der Dresdner Kulturpalast ist ein Kulturdenkmal im Sinne von § 2 Abs. l SächsDSchG, da wegen seiner bau-, kunst-, kultur- und sozialgeschichtlichen sowie künstlerischen Bedeutung ein öffentliches Erhaltungsinteresse besteht.“ Diese Stellungnahme deutet darauf hin, dass das Denkmalamt damals daran gehindert wurde, von seinen Einspruchsmöglichkeiten Gebrauch zu machen.

Den wenigsten Besuchern des Kulturpalastes – insb. der „Heiteren Muse“ – ist bewusst, dass das Haus total umgebaut werden soll. Wenn sie davon erfahren (z.B. durch Flyer von Dresdens Erben), sind sie entsetzt und es folgen Kommentare wie: „typisch, die da oben machen was sie wollen“.

Zur Vorgeschichte

Der Stadtratsbeschluss vom 03.07.2008 zum Umbau des Kulturpalastes ist nicht schlüssig. Er beschließt den Umbau und legt im selben Beschluss fest, dass Nutzung, Kosten etc. erst noch zu untersuchen sind, denn es gab zu dieser Variante und zu diesem Zeitpunkt keine Machbarkeitsstudie. Dieses Vorgehen der Stadt könnte man als grob fahrlässig bezeichnen.

Noch 2005 wollte die Stadt den Kulturpalast sanieren und akustisch ertüchtigen (Stadtratsbeschluss von 2004). Nach einer Machbarkeitsstudie, die vom Hochbauamt an AWB Architekten Dresden vergeben wurde, sollte das etwa 40 Millionen Euro kosten. Damals verfügte die Stadt nicht über diese Mittel. Auch die Dresdner Philharmonie war gegen diese Lösung.

Der Innenraum des Kulturpalasts (Visualisierung aus der Machbarkeitsstudie von AWB Architekten Dresden 2005)

2006 wurden die Woba-Wohnungen verkauft. Plötzlich war die Stadt Dresden schuldenfrei. Das animierte wohl das Hochbauamt – auch unter dem Druck der Dresdner Philharmonie – eine neue Idee zu entwickeln: Den Umbau des Kulturpalastes zum hochwertigen Konzertsaal mit Bibliothek. Damit wurden die Überfrachtung des Hauses und die Zerstörung seines Inneren einkalkuliert.

Die auslaufende Betriebsgenehmigung für den Kulturpalast wird gern als zwingender Grund für die jetzigen Planungen angeführt. Dabei gibt es keinen Grund, daraus die Notwendigkeit für einen Umbau abzuleiten. Bei einer einfachen Sanierung kann die Stadt auf bereits vorhandene Planungen zurückgreifen, die in den Jahren vor 2007 in Auftrag gegeben wurden. Diese zu aktualisieren, dürfte nur kurze Zeit in Anspruch nehmen. Die Sanierung könnte demnach 2012 begonnen und 2014 abgeschlossen werden. Auch für die akustische Verbesserung waren bereits in der Machbarkeitsstudie von 2005 Überlegungen angestellt worden. Für die Tagesnutzung könnte eine Galerie eingebaut werden.

Zu Kosten und Nutzen

65 Millionen Euro wurden als Ziel für den Umbau formuliert. Da keinerlei Planungen zu dieser Variante vorlagen, war das eher eine „Wunschvorstellung“. Da der Umbau einen Eingriff in die Konstruktion des Hauses darstellt (völlige Entkernung), werden die Kosten von Experten wesentlich höher geschätzt. Totalumbauten bergen Kostenrisiken, die im Vorfeld kaum beziffert werden können. Bei der Hamburger Elbphilharmonie war man von 72 Millionen Euro ausgegangen. Inzwischen ist das Projekt bei 500 Millionen angelangt.

Bis heute gibt es keine Fördermittelzusage für die Umbaupläne. Hat die Stadt nicht bereits zur Abstimmung den Stadträten suggeriert, dass es etwa die Hälfte an Städtebaufördermitteln geben würde? In den Medien wurde dieses Argument immer kolportiert. Mit Städtebaufördermitteln aus dem Bundeshaushalt kann dieser Umbau aber gar nicht gefördert werden. Eine Anfrage im Innenministerium hätte das schnell klären können.

Dieses finanzielle Abenteuer soll für 58 Konzert-Tage der Dresdner Philharmonie im Jahr gewagt werden. Die Stadt suggerierte stets, dass die Sächsische Staatskapelle Dresden ebenfalls dort spielen und damit die Auslastung verbessern würde. Die Staatskapelle hat das laut und vernehmlich abgelehnt und wird es weiter ablehnen. Zudem ist nicht garantiert, dass der Umbau die Akustik tatsächlich verbessert.

Da es keinen Kammermusiksaal und keinen Probensaal geben wird, sind weitere 68 Probentage für die Dresdner Philharmonie in dem neuen Konzertsaal vorgesehen. Kein Planer kommt normaler Weise auf die Idee, so viel Geld auszugeben, um dann ein Fünftel der verfügbaren Zeit mit Proben zu blockieren.

Die „Heitere Muse“ hatte bisher 200.000 Besucher im Jahr, die Dresdner Philharmonie rund 90.000. Das heißt, dass für knapp ein Drittel der Besucher dieser teure Umbau getätigt werden soll.

Die „Heitere Muse“ steht mit diversen Veranstaltungen weiter im „Nutzungskonzept“ – damit die Auslastung etwas besser aussieht. So etwas nennt man „Schönrechnen“. Niemand hat erklärt, wie Zirkus oder Ballett ohne Bühne gehen soll. Shows brauchen Bühnen und genügend Besucher-Plätze. Die Veranstalter Dieter Semmelmann und Bernd Aust haben sich mehrfach dazu geäußert, wie sie kalkulieren müssen. Sie sehen keine Möglichkeit, ihre Veranstaltungen im umgebauten Kulturpalast wirtschaftlich darzustellen. So werden viele Veranstaltungen an Dresden künftig vorbeigehen.

Die „Heitere Muse“ soll daher künftig in die Messe verbannt werden. Dort verdrängt sie aber Messeveranstaltungen, die inzwischen die Hallen gut auslasten. Zudem hat die Stadt bisher die höheren Betriebskosten für den ständigen Umbau (Messe und Veranstaltungen) „nicht auf der Rechnung“. Auf Akustik-Probleme in der Messehalle bei elektronisch verstärkter Musik haben schon viele Besucher hingewiesen. Das Problem ist kaum lösbar.

Zu Denkmalschutz und Urheberrecht

Das Bauwerk unterliegt dem Urheberrecht, da es in einem schöpferischen Akt entstanden ist. Auf dem Henselmann-Kolloquium im Februar 2010 in Berlin haben sich namhafte Architekten und Juristen aus ganz Deutschland mit dem Urheberrecht in der Baukunst befasst. Frau Dr. Heidrun Laudel aus Dresden hielt dazu einen Vortrag. Die Experten waren sich einig, dass der Kulturpalast in Dresden ein Musterbeispiel für nach dem Urheberrecht Schützenswertes sei.

Wolfgang Hänsch, der Chefarchitekt des Kulturpalastes, hatte sich noch einmal im Mai 2010 mit einem Brief an die Oberbügermeisterin Helma Orosz gewandt und darauf aufmerksam gemacht, dass er sich gegen die Verletzung des Urheberrechts wehren wird. Er bekam keine Antwort. Seit Anfang November 2010 ist nun eine Klage gegen die Stadt beim Landgericht Leipzig anhängig.

Wolfgang Hänsch hat in der Reihe Dresdner Reden die Einführung zur Rede von Meinhard von Gerkan gehalten. Beide kennen sich gut, sie sind langjährige Kollegen. Respekt vor Werken anderer Architekten hat Meinhard von Gerkan im Herbst 2010 in einem Vortrag im Hygienemuseum angemahnt. Aber wie verträgt sich diese Aussage mit seinem jetzigen Auftrag? Sein Büro gmp hat den Auftrag zur Umbauplanung von der Stadt übernommen. Kein Wort hat er dazu mit Wolfgang Hänsch gewechselt.

Fazit

Die Stadt Dresden hat noch keinen einzigen Kultur-Neubau fertig gebracht – obwohl jeder weiß, dass Gebäude für die öffentliche Nutzung Impulse für Investoren darstellen und die städtebauliche Entwicklung beschleunigen können. Die vielen innerstädtischen Kriegsbrachen bedürfen einer Bebauung. Stattdessen will die Stadt eine erprobte und intakte, denkmalgeschützte, multifunktionale Spielstätte, die nach wie vor großen Publikumszuspruch erfährt, für viel Geld im Inneren völlig zerstören.

Der Stadtratsbeschluss von 2008 ist und bleibt ein Schildbürgerstreich.

Für den Kulturpalast-Umbau nach dem Beschluss vom 03.07.2008 gibt es kein vernünftiges Argument. Der Beschluss wurde aufgrund fehlender Abwägungsprozesse und Plausibilitäts-Prüfung gefasst. Zudem besteht der Eindruck, dass Finanz-Bürgermeister Hartmut Vorjohann sich selbst nicht ausgiebig mit dem Beschluss, seinen finanziellen Auswirkungen, der politischen Tragweite und der Sinnhaftigkeit auseinander gesetzt hat.

Die Sanierung und akustischen Ertüchtigung des Kulturpalastes ist die vernünftige Alternative.

Hinweis: Die Abbildung des Innenraums des Kulturpalastes stellen dankenswerter Weise AWB Architekten in hoher Auflösung (.jpg-Datei, 1.136 kB) frei zur Verfügung.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 29.01.2011 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Unerreicht erneut die Dresdner Morgenpost, Dresdenteil (24. Feb.):

    Unter der Überschrift “Muffiges Wrack” verrät uns ein Fräulein Peter den wahren Grund für Kritik am Kulturpalastumbau: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Veränderungen sind ihm “(zunächst) zuwider”.

    Träge denkt er – Zitat: “Hey, kein Stress – es ist doch gut so, wie es ist!”.

    Nicht mit Fräulein Peter. Sie stimmt zum Schein zu, um dann Mut zu machen: “Ja, vielleicht – aber es geht noch besser”. Anschließend resümiert sie: “Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.”

    Schöner Dreisatz. Werd’ ich mir merken.

    … schrieb JH am Donnerstag, dem 24.02.2011, um 16:19 Uhr.