Zuschauerdemokratie

Donnerstag, 24. März 2011

von Silvia Friedrich

Auch ich war am Montag im Kulturpalast in der Einwohnerversammlung. „Zuschauerdemokratie“ ist finde ich ein zu milder Ausdruck für die Verhöhnung der bisherigen Hauptnutzer der Stadthalle Kulturpalast und derjenigen, die sie geplant und erbaut haben sowie derjenigen, die dieses einmalige Denkmal der Nachkriegsmoderne erhalten wollen.

Besonders bemerkenswert fand ich die Rede der Dame, die mit der Philharmonie die Konzertsäle der Welt bereiste. Sie berichtete, dass mindestens zwei Versuche der Philharmonie, einen akustisch hochwertigen Konzertsaal in einem neuen Konzerthaus zu bekommen, an der mangelnden Bereitschaft von Stadt und Land scheiterten, dieses Konzerthaus mit zu finanzieren. Ihr Fazit: jetzt endlich ist der Herr Vorjohann bereit, einen hochwertigen Konzertsaal zu finanzieren – jetzt bauen!

Das macht mich stutzig! Zunächst einmal kann ich verstehen, dass die Philharmonie einen akustisch hochwertigen Konzertsaal braucht – aber auch die Staatskapelle ist mit ihrer Semperoper nicht restlos glücklich, weil auch die sich nicht für jede Art klassischer Musik eignet.

Warum aber ist der Herr Vorjohann jetzt plötzlich bereit, einen hochwertigen Konzertsaal zu finanzieren – ausgerechnet, indem die Stadthallenfunktion des immer noch funktionierenden Denkmals Kulturpalast geopfert wird? Man erinnere sich daran, dass der Herr Vorjohann weder Interesse an Kulturveranstaltungen noch an Sport hat.

Die Operette hätte er als Zuschussgeschäft wohl lieber abgewickelt als ihr ein angemessenes Ersatzdomizil zu beschaffen. Aber vielleicht klappt das ja noch. Das Kulturkraftwerk ist ja noch lange nicht fertig. Das Spiel, das der Finanzbürgermeister mit der Philharmonie treibt, hat große Ähnlichkeit mit dem, das die Staatsoperette bis heute erlebt. Mit unrealistischen Kostenforderungen verhinderte er den Neubau einer Operette im Wiener Loch. Die Rückverlegung vom Kulturkraftwerk ins Wiener Loch wegen erwartbarer höherer Kosten der Altlastensanierung haben die Stadträte zum Glück verhindert. Damit gibt es keine neue Runde in diesem bösen Spiel mit der Staatsoperette.

Aber um den Preis, den Kulturpalast als Domizil der Unterhaltungsbranche aufzugeben – nach dem Motto: wenn Ihr für das Kulturkraftwerk stimmt, stimmen wir für den Denkmalsumbau im Kulturpalast? Über die Köpfe von 2/3 der Nutzer des derzeitigen Kulti hinweg? So ein Kuhhandel! So machen sich die Dresdner Grünen unglaubwürdig. Auf Veranstaltungen zum Denkmalschutz tun sie, als wäre es ihre Sache. Jetzt aber stimmen sie für die Zerstörung des einmaligen funktionsfähigen Mehrzwecksaals mit Kipp-Parkett, der die Stadthallenfunktion möglich macht und der bestimmend für die Architektur des denkmalgeschützten Palastes war. Und für Bürgerbeteiligung machen sie sich in diesem Falle auch nicht stark. Sie stimmen für die Verdrängung von 2/3 der bisherigen Nutzer in die Messe und beteiligten sich am Ignorieren der 19.000 Unterschriften für den Erhalt des Multifunktionssaals Ende 2009.

Die Erklärungen der Stadt dazu auf der Einwohnerversammlung waren der blanke Hohn. So war die Rede davon, dass bekannt ist, dass bereits jetzt Messe und Kongresse gewaltige Staus auf der einen Zufahrt zum Messegelände verursachen. Aber jetzt wird ja die Bahn gebaut, mit der man in 10 Minuten wieder von der Messe vor den Kulturpalast kommt. Und wie lange muss man warten, bis man als einer von 6.000 gleichzeitig das Konzert Verlassenden einen Platz in dieser Bahn ergattert hat? Wie lange brauchen die Fahrzeuge, um von der „ausreichenden Anzahl von Parkplätzen“ über diese eine Straße wieder wegzukommen?

Es war auch die Rede davon, dass in der Messe bisher an der Akustik gespart wurde, wohl genau wie im Kongresszentrum und im Hygienemuseum, die von der Philharmonie als Ausweichdomizil während der Bauzeit genutzt werden sollen. Aber warum hörte man bisher nicht von Konzerten im Kongresszentrum, dass doch eigentlich auch dafür gebaut wurde? Vielleicht liegt das ja auch daran, dass in diesen Sälen nicht der Erbauer des Kulturpalastes und der Wiedererbauer der Semperoper mitgewirkt hat? Dessen Meinung war zumindest bei der Sanierung des Kulti nicht gefragt. Er soll die Zerstörung seines Werkes mit ansehen, obwohl es weder unverbesserbar noch überflüssig ist. Nach den miesen akustischen Erfahrungen mit dem Kongresszentrum und dem Hygienemuseum nach dessen Sanierung: Was soll man vom Weinbergsaal halten, wenn eine an der Kultur sparende Stadt der Bauherr ist? Die von der Stadt angegebenen Kosten lassen erwarten, dass damit keine ordentliche Akustik zustande kommt, denn gute Akustik ist teuer.

Klar, die Herkuleskeule ist scharf auf den Spielort im Kulturpalast. Auch die Bibliothek will unbedingt in die Stadtmitte. Aber darf man dafür diejenigen aus dem Kulturpalast verdrängen, die mit den teuren Karten für die U-Musik einen nicht unbeträchtlichen Anteil an der Deckung der Betriebskosten des Kulti erbringen? Angeblich ist der neue Saal ja auch für U-Musik geeignet. Die Aussage am Montag war, dass die Stühle im neuen Weinbergsaal fest montiert werden müssen, weil deren Anordnung großen Einfluss auf die Akustik hat. Und was passiert mit der Akustik, wenn eine U-Musik-Bühne in einer von mehreren vorgestellten Varianten ein- und die Chorstühle dafür abgebaut werden?

Der jetzige Mehrzwecksaal hatte nach der Eröffnung eine bessere Akustik als jetzt. Weitere Verbesserungen der Akustik im vorhandenen Saal wären möglich. Manche von den Erbauern eingebaute akustische Maßnahme wurde der Möglichkeit von mehr verkaufbaren Karten geopfert. Jetzt soll der Saal um mindestens 500 Plätze verkleinert werden!

Nun ja, im Gegensatz zur Annonce der Philharmonie vor der letzten Stadtratswahl, nach der 85% der bisherigen Nutzungen auch noch im Weinbergsaal möglich seien, hat man sich jetzt darauf geeinigt, dass der Anteil der U-Musik im Spezial-Konzertsaal nur noch 1/3 sein wird und nicht mehr 2/3 wie heute. Wie werden dann die Betriebskosten des Kulti gedeckt? Die Bibliothek wird da wohl kaum einen Beitrag dazu leisten, auch nicht mit eingesparten Mieten. Die Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen höhere Leihgebühren zu verlangen, sind jedenfalls beschränkt. Und die sollen ja nach Lesart vom Montag die Hauptnutzer der Bibliothek sein. Und dieses Zuschussgeschäft findet der Herr Vorjohann in Ordnung? Viele Westdeutsche Städte wären neidisch auf eine so gut funktionierende multifunktionale Stadthalle, wie es der Kulti derzeit ist.

Oder hat Herr Vorjohann vor, den Kulti dicht zu machen, weil sich die Stadt die Betriebskosten dafür nicht mehr leisten kann? Schließlich ist der Kulti eine Immobilie in lukrativer Lage – und ein richtiges Denkmal ist er nach der Entkernung des funktionsbestimmenden Mehrzwecksaals wohl auch nicht mehr. Wie man von der Weimarer Bibliothek weiß, brennen Bücher auch enorm gut.

Als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung für die Zuhörerschar der Philharmonie könnte ich mir eher Jugendkonzerte als eine Bibliothek in der Nachbarschaft vorstellen.

Wer weiß, was wir wirklich bekommen, wenn der Kulti umgebaut wird? Dem Herrn Bürgermeister Hilbert war es jedenfalls nicht peinlich, dass er vor den letzten OB-Wahlen für ein neues Konzerthaus für 2 Spitzenorchester eintrat, was auch das ursprüngliche Ziel der Philharmonie war. Mit den Stimmen der Konzerthausbefürworter haben er und seine Parteigenossen sich wählen lassen. Jetzt ist daraus die Zerstörung eines funktionierenden Multifunktionssaals geworden, ohne Garantie, dass der Ersatz wegen zu erwartender Kostensteigerungen (und dem Neuverschuldungsverbot) überhaupt zu was zu gebrauchen ist.

In einer Stadt, die von ihrem Ruf als Kulturstadt lebt, sollten die finanziellen Prioritäten nicht von der Geheimniskrämerei eines an Kultur desinteressierten Finanzbürgermeisters bestimmt werden, sondern von den Bürgern.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 24.03.2011 aktualisiert.
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