Dicke Luft?

Donnerstag, 28. April 2011

Inzwischen liegt ein neuer Luftreinhalteplan als Entwurf vom 25.11.2010 vor. Dass dieser auf den LRP 2008 aufbaut, machen die übereinstimmende Gliederung der Dokumente und die auf weiten Strecken übereinstimmenden Tabellen und Grafiken deutlich. Sie wurden jeweils um die in den vergangenen drei Jahren hinzugekommenen Daten ergänzt. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede. Diese treten an einer – durchaus kritischen – Stelle in geradezu skurriler Weise hervor:

Der feine Unterschied

Der Abschnitt 5.3 (LRP 2008 S. 63, LRP 2011 S. 67) beschäftigt sich mit den sog. „Minderungspotentialen“. Sie beschreiben die Reduktion des Schadstoffausstoßes, welche durch Maßnahmen der Stadt zu erzielen ist. Sie entsprechen den Emissionen der Stadt selbst, welche zum sog. „regionalen Hintergrundniveau“ (der allgemeinen Schadstoffbelastung aus der weiteren Umgebung) hinzukommen. Im LRP 2008 heißt es hierzu:

Das Minderungspotenzial an den Quellen in der Stadt Dresden ist um ein Vielfaches größer als die Minderungsziele zur Einhaltung der Grenzwerte. Somit können Maßnahmen, die auf den Minderungszielen beruhen, in Dresden zur Einhaltung der Grenzwerte führen. Dennoch sind die Minderungsziele gemessen an den Quellen der Stadt Dresden eine sehr große Herausforderung an die kommunale Planung. Besonders kritisch ist es an der Bergstraße. Dort muss fast die Hälfte des Potenzials für NO2 bzw. NOx bis 2010 reduziert werden.

Mit anderen Worten: Chacka, wir schaffen das! Dieser Tonfall ist doch ermutigend.

Die Abbildungen 5-8, 5-9 und 5-10 im LRP 2008, welche die Grundlage für diese Schlussfolgerung bilden, sind in der folgenden Abbildung links dargestellt. Jeweils rechts daneben stehen die Abbildungen 5-5, 5-6 und 5-7 aus dem LRP 2011, denen zu entnehmen ist, dass die Zusatzbelastungen sich im Laufe der vergangenen drei Jahre nur minimal verändert haben. Die Werte sind praktisch identisch.

Vergleich der Angaben zu den Minderungspotentialen im LRP 2008 (links) und im LRP 2011 (rechts)

Um so mehr verwundert, dass aus den gleichen Zahlen im Jahr 2011 eine ganz andere Schlussfolgerung gezogen wird:

Von diesem, in den Abbildungen Abb. 5-5 bis Abb. 5-7 dargestellten, theoretischen Minderungspotenzialen stehen für die Luftreinhalteplanung nur geringe Anteile zur Verfügung. Die Ausschöpfung des Gesamtpotenzials würde gleichbedeutend mit der Stilllegung der Gesamtstadt sein.

Wie jetzt? Nichts mehr mit: Chacka, wir schaffen das!? Hat sich seit 2008 Grundlegendes an den technischen Möglichkeiten geändert? Wohl kaum. Nein, der Weg ist unverändert klar vorgezeichnet, allein, es fehlt der Wille zur Umsetzung. Das wird im LRP 2011 ab Seite 76 deutlich, wenn man es denn versteht, die Angaben richtig zu interpretieren.

Auf den ersten Blick überrascht die Deutlichkeit der dort zusammengestellten „Maßnahmen im Verkehrsbereich“, denn es handelt sich für Dresdner Verhältnisse um eine Ansammlung von Ungeheuerlichkeiten, wie z.B.

  • Radverkehrsanlagen werden in die Planung jeder Hauptverkehrsstraße einbezogen,
  • Prüfung Lkw-Durchfahrtsverbote,
  • Pförtner-LSA [Lichtsignalanlagen] zur Gewährleistung einer „verträglichen“ Verkehrsmenge,
  • Umsetzung des Konzeptes zur Verkehrsberuhigung Innenstadt,
  • Verpflichtung von Veranstaltern von Großereignissen zum Aufstellen eines Mobilitätsplans, der die vorrangige An- und Abreise mit ökologisch günstigen Verkehrsmitteln vorsieht.

So etwas klingt weniger amtsdeutsch als öko-fundamentalistisch. Tatsächlich besteht aber für die verstörten Leser (vorerst) kein Anlass zur Sorge: Von den 32 aufgeführten Maßnahmen werden 3 offiziell „nicht weiter verfolgt“. Zu den restlichen 29 heißt es: „bleibt als Maßnahme erhalten.“ Das klingt nach Kontinuität, heißt de facto aber: Es ist seit 2008 schlichtweg nichts passiert. Die geplanten „Maßnahmen im Verkehrsbereich“ sind nichts als Absichtserklärungen. Worthülsen.

Hier tritt das Grundproblem der Luftreinhalteplanung in Dresden hervor: Sie wird von Fachleuten gemacht, deren Pläne durchaus sinnvoll sind. Umsetzen muss sie aber die Politik, und dort gibt es erhebliche ideologische Widerstände (dazu später noch mehr). Man fühlt sich unweigerlich an Roman Herzog erinnert: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“

Deutlich wird das auch anhand der Angaben in Tabelle 6-2 (LRP 2011, S. 73-75) zu „Maßnahmen im Verkehrsbereich von 1999 bis 2010“. Da wird in mühevoller Kleinarbeit aber auch alles zusammengeklaubt, was man nur irgendwie als relevant für die Luftreinhalteplanung verkaufen kann. Dabei ist völlig unerheblich, ob es ursprünglich ganz andere Intentionen waren, welche diese Maßnahmen auslösten. Entsprechend wolkig ist auch die Beschreibung der erzielten „Entlastungseffekte“. Sie sind nicht messbar – bis auf eine einzige Ausnahme: Die „Eröffnung der BAB A 17“ im Jahre 2006. Sie hat, das müssen auch jene eingestehen, die über den Autobahnbau nicht sonderlich glücklich waren, zu einer deutlichen Entlastung der Innenstadt vom LKW-Durchgangsverkehr geführt. Aber das war es dann auch.

Insofern passen die Messwerte hervorragend zur Situation in der Stadt: Fortschritte sind nicht erkennbar. Und ihre Interpretation passt hervorragend zum Denken und Handeln der Stadt: Man täuscht hektische Betriebsamkeit vor und erklärt zugleich, dass man ja eigentlich nichts tun kann, weil ja die anderen Schuld sind (Stichwort „regionales Hintergrundniveau“ oder „Ferneintrag“).

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Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Sehr interessant_
    In Deutschland ist DRESDEN laut der WHO-Statistik die Stadt mit der größten Luftverschmutzung!!!!!

    SPIEGEL
    27.09.2011

    Globale Umweltverschmutzung
    Dicke Luft bringt Millionen Menschen den Tod

    Die Luftqualität in Ballungsgebieten weltweit ist katastrophal – Städte im Iran, Pakistan und Indien stehen ganz oben in der Negativ-Statistik. Rund zwei Millionen Menschen sterben jährlich an verdreckter Luft. Auch in Deutschland werden die Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation überschritten.

    Qualmende Schlote, gelbgrauer Dunst, Straßen voller Autos: Weltweit ersticken große Metropolen förmlich an den Schadstoffen in der Luft. Emissionen aus Industrieanlagen und Kraftwerken, Autoabgase, mit Kohle und Holz befeuerte Kochstellen, schwelende Müllberge gehören zu den größten Quellen der Staub- und Rußpartikel.

    Die Folgen sind dramatisch: Jedes Jahr sterben insgesamt rund zwei Millionen Menschen an den Folgen verunreinigter Luft, schätzen Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO. In der Rangliste der Metropolen mit der dreckigsten Luft, die am Montag veröffentlicht wurde, stehen Städte im Iran, in Pakistan und Indien ganz oben. Auch die Hauptstadt der Mongolei findet sich weit vorne. Am saubersten ist dagegen die Luft – auch bedingt durch geringere Bevölkerungsdichte und günstigere Windverhältnisse – in Städten Kanadas und der USA.
    Die 10 schmutzigsten Städte der Welt
    Land Stadt PM10 [µg/m3/Jahr] Jahr der Datenerhebung
    Iran Ahwaz 372 2009
    Mongolei Ulaanbaatar 279 2008
    Iran Sanandaj 254 2009
    Indien Ludhiana 251 2008
    Pakistan Quetta 251 2003-2004
    Iran Kermanshah 229 2009
    Pakistan Peshawar 219 2003-2004
    Botswana Gaborone 216 2005
    Iran Yasouj 215 2009
    Indien Kanpur 209 2008
    Quelle: WHO. Angegeben ist der Grad der Luftverschmutzung anhand der jährlich durchschnittlich ausgestoßenen Partikelmenge (mit einer Größe von 10 Mikrometern oder weniger) in Mikrogramm pro Kubikmeter.

    In Deutschland ist DRESDEN laut der WHO-Statistik die Stadt mit der größten Luftverschmutzung: 2008 wurden dort durchschnittlich 31 Mikrogramm Partikel pro Kubikmeter Luft gemessen. Insgesamt 59 deutsche Städte werden in der Statistik geführt, in Wolfsburg war die Luft demnach am saubersten. Mit einer Menge von 17 Mikrogramm Partikel pro Kubikmeter Luft kam die Stadt auf Rang 327 der WHO-Liste. Die sauberste Stadt weltweit ist Whitehorse in Kanada mit drei Mikrogramm. Gemessen wurden nur Partikel mit einer Größe von 10 Mikrometern oder weniger.

    Insgesamt wurden Daten aus 1100 Städten in 91 Ländern ausgewählt. Allerdings: Viele der Zahlen sind schon mehrere Jahre alt, und seitdem dürfte die Belastung insbesondere in Schwellenländern noch zugenommen haben. Denn bisher hat sich eine Regel stets bewahrheitet: Wächst die Wirtschaft, steigt auch die Menge der Emissionen. Am WHO-Ranking ist das allerdings nicht abzulesen.

    Die schmutzigsten Städte Deutschlands
    Stadt PM10 [µg/m3/Jahr]
    Dresden 31
    Weimar, Cottbus, Düsseldorf je 29
    Stuttgart, Leipzig, Reutlingen je 28
    Essen, Regensburg, Gelsenkirchen, Münster, Frankfurt je 27
    München, Bremen, Berlin, Wuppertal, Mühlheim a.R. je 26
    Augsburg, Erfurt, Duisburg, Potsdam je25
    Quelle: WHO. Angegeben ist der Grad der Luftverschmutzung anhand der 2008 durchschnittlich ausgestoßenen Partikelmenge (mit einer Größe von 10 Mikrometern oder weniger) in Mikrogramm pro Kubikmeter.
    Schon vor Jahren hatte die WHO Richtlinien zur Begrenzung der Luftverschmutzung in Städten herausgegeben. Sie werden aber weltweit kaum eingehalten. Die Empfehlung liegt bei höchstens 20 Mikrogramm Partikel pro Kubikmeter im Jahresdurchschnitt. In vielen Städten werde aber ein Wert von 200 Mikrogramm überschritten, schreibt die WHO in ihrem Bericht.
    Feinstaub wirkt sich insbesondere schädlich auf die Atemwege aus: Seit langem werden die schädlichen Abgase mit Atemwegserkrankungen wie Asthma in Verbindung gebracht. In den vergangenen Jahren wurden auch Zusammenhänge zwischen der Luftverschmutzung und einer Reihe anderer Krankheiten festgestellt, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Brustkrebs.

    Wie hoch das Risiko für bestimmte Erkrankungen ist, hängt nicht nur von der Partikelmenge ab, auch die Zusammensetzung der Luftverschmutzung spielt eine Rolle. Je nach Metropole kommen unterschiedliche Mengen schädlicher Verbindungen vor, darunter Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Stickoxide, Rußpartikel sowie Kohlenstoffverbindungen, die etwa bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen freigesetzt werden.
    2010 hatten Forscher der Max-Planck-Gesellschaft zusammen mit Kollegen vom Indian Institute of Technology in Roorkee eine ähnliche Tabelle erstellt: Sie zeigt, an welchen Orten die Menschen die am stärksten belastete Luft einatmen. Demnach ist das Gesundheitsrisiko in den Megastädten der Entwicklungsländer größer als in den Metropolen der Industrienationen. Allerdings handelt es sich bei den Berechnungen der Forscher um ein Modell. Zudem werden auch hier wöchentliche oder monatliche Schwankungen der Schadstoffkonzentrationen nicht berücksichtigt.

    Auch die WHO geht für ihre Statistik lediglich von Jahresdurchschnittswerten aus. Doch selbst wenn die Zahlen keine absolut sicheren Werte wiedergeben, fällt das Fazit des WHO-Berichts klar aus: Im Jahr 2008, aus dem die meisten der jetzt veröffentlichten Statistiken stammen, seien schätzungsweise 1,3 Millionen Stadtbewohner vorzeitig aufgrund von Luftverschmutzung gestorben. Eingerechnet ist darin lediglich die Verschmutzung der Außenluft in den Metropolen. Wären die strengen WHO-Richtwerte angewandt worden, hätten fast 1,1 Millionen Todesfälle verhindert werden können, schreibt die Organisation.

    cib/dpa/dapd

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,788562,00.html

    … schrieb Faust am Mittwoch, dem 28.09.2011, um 06:46 Uhr.