Mausoleum

Samstag, 2. April 2011

von Johannes Hellmich

Ein paar dürre Zeilen in der gestrigen Presse beenden den Aufstand, bevor er richtig begonnen hat: Es wird kein Bürgerbegehren zum Kulturpalast geben. Jedenfalls nicht mit Dresdens Erben. Der Verein nennt drei Gründe für den Rückzug: Satzungsformalien, Ressourcen und Demokratieerfahrungen. Zurück lässt er einige Ratlosigkeit.

Die Begründung, ein Bürgerbegehren würde demokratische Mitgestaltung auf eine Unterschrift reduzieren, ist unnötig und wenig stichhaltig; eine außerparlamentarische Korrektur des Stadtratsbeschlusses durch die Bürgerschaft wird anders nicht möglich. Am Ende eines idealerweise breiten Diskussionsprozesses steht in jedem Falle eine wie auch immer geartete Entscheidung per Stimmabgabe. Dresdens Erben repräsentieren als überparteiliche Initiative gerade vorbildlich bürgerschaftliches Engagement, dessen Stimme, zunächst eher belächelt, zunehmend ernst genommen wird. Beim jetzigen Rückzieher mag also durchaus die Sorge eine Rolle gespielt haben, die Stadt könne das Bürgerbegehren als unfreundlichen Akt werten und den Verein künftig auf die Ignorierliste setzen. Das Engagement des Bürgervereins selbst beweist ja: Von bloßer Abgabe einer Stimme, kann beim Bürgerbegehren keine Rede sein, es sei denn, die angestrebte Mitwirkung des Bürgers soll initiativgebunden bleiben oder umgekehrt, die Initiative hofft jenseits schwankender Bürgerstimmung als semifachliche Instanz in Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden. Das mag manchmal funktionieren, im konkreten Fall hat es den Stadtratbeschluss zum Umbau nicht verhindert. Der Verzicht auf Bürgerbegehren ist zugleich Verzicht auf bürgerschaftliches Mobilisierungspotential.

Ein einziger der Gründe für das Aus des Bürgerbegehrens hätte als Zustandsbeschreibung sächsischer Demokratie vollauf genügt, gerade weil er nur angedeutet blieb und deshalb für nicht gleichgültig Gewordene den Skandal um so mehr offenbart. Neben Familie und Beruf in ehrenamtlicher Initiative ein großstadtweites Bürgerbegehren durchzuführen, ist unmöglich. Das gilt besonders für Dresden, wo an einen Bürgerentscheid entgegen der Intention des Gesetzgebers kaum erfüllbare rechtliche, planerische und kalkulatorische Anforderungen gestellt werden, wo Bürgerinteresse in Links-Rechts-Auseinandersetzungen zerrieben wird, wo das Regierungslager notfalls alle Hebel in Bewegung setzt, um den Vorrang der repräsentativen Demokratie sicherzustellen, da wo es ihr nützlich erscheint. Das Fiasko um den Bürgerentscheid zur Rettung der Elbwiesen ist allen Beteiligten noch geläufig. Wer angesichts deutlich werdender Umrisse organisatorischer Herausforderungen und Belastungen ohne überzeugende Aussicht auf Erfolg, ein Vorhaben aufgibt, das große persönliche Opfer letztlich nicht wert ist, handelt klug, trotz des bitteren Beigeschmacks. Eins ist allerdings klar: Der unvermittelte Abbruch eines Rettungsversuches für den Kulturpalast dürfte nicht nur auf Verständnis treffen.

Hat nun Hochkultur über das Volk gesiegt? Freiheit über Sozialismus? Triumphiert Akustik über durchgängigen Vierviertel-Takt? Der gemeine Bürger, der im Kulturpalast Unterhaltung suchte, weil er es so gewohnt war, muss nun für die peinliche Befriedigung seines Bedürfnisses hinaus vor die Stadt – Straßenbahn wird gestellt! Das ist, so scheint es, alles.

Es soll ja aber nicht nur den heiligen kulturellen Ernst geben, mit dem sich Klangräume der Klassikstars und Konzertraum der Stararchitekten begegnen, ohne dass heute genau vorauszusagen wäre, wer hier den Sieg behält: Im Keller darf auch gelacht werden. So überwindet eine moderne Stadthalle den alten Kulturpalast, kann die musikalische Erlebniswelt Philharmonie zum spätromantischen Soundtrack werden für das Barockerlebnis Neumarkt nebenan. Das ist die Zukunft, die ein Bündnis aus Altschwarzen und Grünschwarzen auf Kredit beschlossen hat: Ein Orchester wird in die weltweit vertriebene Marke Kulturmetropole Dresden eingegliedert. Es ist damit Touristenattraktion und klingendes Giveaway geworden. Lesesaal und Kabarett fürs neue Haus bleiben als Beigaben funktionales Alibi. Auch wenn der Aufstieg in die Luxusklasse nicht ganz billig ist; der hinauskomplimentierte Karat- und Kaiser-Prolet muss ihn murrend doch mitbezahlen. Der Rest ist Erinnerung. Seine Kinder werden im Klassenverband die neue Bibliothek besuchen und so ihre eigene Tradition einer Stadthalle begründen.

Nun, lassen wir die Möglichkeit eines erneuten Versuches der Bürgerschaft, sich mittels Direktdemokratie doch noch durchzusetzen, einen Moment beiseite. Seine Erfolgschancen sind nach Stadtratsbeschluss und dem dort ausgestellten Blankoscheck nicht größer geworden. Nehmen wir die Vision auf, die mit der Erwartungshaltung an Saal und Orchester verbunden sind.

Vision ist das wichtigste Argument einer von Umbaubefürwortern behaupteten Auseinandersetzung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gerade in diesem zentralen Punkt zeigt sich: Der Vorwurf mangelnder Veränderungsbereitschaft trifft die Akustikfreunde in viel umfangreicherer Weise selbst. Übersteigerte Wertschätzung sogenannter Hochkultur ist undenkbar ohne das habtiuelle Teilhabenwollen ihrer Konsumenten, die in vielfacher Weise auch Akteure des Umbaus sind. Die Philharmonie aber kann die Erwartungen nach Abgrenzung nicht wirklich erfüllen, selbst wenn sie es wollte. Klassische Musik bleibt gejagt und getrieben von den Einbildungen vermeintlicher Kulturbürger. Sie erklimmt immer weitere Höhen, da wo sie herabsteigen müsste. Sie weiß natürlich: Retten könnte sie auch eine Umkehr kaum, denn sie hat ja nichts mehr zu sagen. Sie lernt und lehrt aber weiter eine Notensprache, aus der die Seele entwichen ist, sie tut, als wäre sie genialische Trägerin eines künstlerischen Aufbruchs.

Wo soll der stattfinden? Der Kanon klassischer Musik ist festgeschrieben, alle Auslegung im Wesentlichen erschöpft. Klassische Musik ist eine Witwe, die nicht sterben kann. Treu bewahrt sie das Erbe, vermehren wird sie es nicht mehr. Obwohl längst jenseits des künstlerischen Klimakteriums, nimmt sie sich auf falsche Weise wichtig mit einer Scheinschwangerschaft, der keine Geburt folgen wird. Im Kulturpalast übergeht sie dünkelhaft baudenkmalerisches Zeugnis und architektonischen Anspruch ihrer Schwesterkunst, dabei ist sie ja selbst ein Fall für kulturellen Bestandsschutz. Ihr Heim überlässt sie einem Baumeister, der seine visionäre Kraft bereits in der Jury zur neuen Elbbrücke bewiesen hat.

Da, wo klassische Musik über unverfälschte Freude am gemeinsamen Musizieren und Hören, an Reflexion und Erkundung hinausgeht, hat sie mit Wahrheit nichts mehr zu tun. Da, wo sie sich als Höchstkultur aufspielt, wird sie zum Betrug. Da, wo sie sich selbst mit Tradition rechtfertigen muss, ist sie schon lange tot. Alle Hochkultur ist Totenkult. Alles emotionale Wollen und alle Virtuosität können am zutiefst okkultistischen Wesen klassischer Aufführung nichts ändern. Die immer noch zu steigernde Professionalität der auch architektonischen Inszenierung gleicht den unwiederbringlich verlorenen Wortsinn einer Sprache nicht aus, deren Beherrschung für ihre Besitzer einmal überlebensnotwendig war. Leistung und Könnerschaft, Performance und Beschwörungsformeln haben den Genius abgelöst. Kreative Kraft wird nur nacherzählt. Wir zwingen uns zum Totengebet, weil wir in unserer Zeit nirgendwo musikalische Entsprechung finden. Scheinbare Auswege führen in absichtsvolle Unverständlichkeit, Auflösung oder höhere Mathematik. Deshalb müssen Stars das Werk zuerst aufwerten und dann ersetzen, Solisten werden zu Priestern eines Götzendienstes, Orchester zu Tempeldienern. Die Liturgie ist festgelegt bis auf sechzehntel Pausen, Überraschungen unmöglich.

Das instrumentierte Heraufrufen des Abgestorbenen, das alle Entwicklung schon vor Ewigkeiten abgeschlossen hat, kann im Vergleich zur volkstümlichen Zerstreuung des sich ewig wandelnden und doch gleichbleibenden Schlagers in Anspruch genommenes Hausrecht auch für die Philharmonie weder kulturell noch moralisch begründen. Es macht keinen Unterschied, dass nicht sie selbst die Zwangsräumung angeordnet hat.

Ob wir das wollen oder nicht, auch andere bemerken den Schwindel: Das begeisterungswillige Konzertpublikum jedenfalls ist eingeweiht. Es profitiert besonders in Dresden davon, dass es sich mit erpresserischem Wissen Eintritt in eine sonst unerreichbare Gemeinschaft erzwungen hat. Dieses Publikum wird seine Künstler beschützen, solange sie ihm musikalische Behaglichkeit verschaffen. Es wird weiter allezeit überschwenglich applaudieren und das Orchester darf sich unter Androhung der Bloßstellung artig verbeugen. Wie Gefangene eines Alptraums sind die kulturbesessenen Gegenüber aneinandergekettet. Noch enger nun, nach dem Rauswurf des musikalischen Prekariats. Man möchte den Enttäuschten das alte Wort zurufen: „Lasst die Toten ihre Toten begraben!“.

Aber es gibt auch kulturelle Hoffnung. Dresden ist nun die größte Einkaufsstadt des Ostens. Vielleicht sogar bald der ganzen Welt. Womöglich trifft man sich ja beim Shoppen wieder.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 04.04.2011 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Sehr geehrter Herr Hellmich,
    danke! für Ihren Beitrag. Er ist wunderbar. Ich bin bei Dresdens Erben eine vehemente Verfechterin des Bürgerbegehrens gewesen, habe mich sofort an die organisatorische Spitze gestellt. Aber mit 200 Euro im Rücken und eine Handvoll Aktiven kann man kaum ein Bürgerbegehren erfolgreich initiieren (21.500 Unterschriften in zwei Monaten). Auch ich habe die einmalige Chance gesehen, dass erstmals ein Bürgerbegehren ohne politischen oder amtlichen Beistand zur Durchführung gelangt wäre. Doch die Argumente dagegen waren überzeugend, das musste ich einsehen.
    Wo sind all die finanziellen Mittel, die der Verein und die Wolfgang Hänsch für die Urheberrechtsklage benötigt? Es wurden beispielsweise 40.000 Flyer gedruckt, um Geld für die Urheberrechtsklage zu sammeln. Die Flyer sind fast alle verteilt.
    Wenn 10.000 Dresdner 5 Euro einzahlen, hätte Wolfgang Hänsch ein sicheres Polster, um die Urheberrechtsklage finanzieren zu können. Natürlich ist es nur ein Mosaikstein, um das Baudenkmal Kulturpalast zu retten. Im Moment sind 15.000 Euro eingesammelt, die nicht reichen werden, um alle Instanzen auszuschöpfen.
    Bei der letzten Unterschriftensammlung für die Petition, die Dresdens Erben am 23.03.2011 an die Stadt übergeben hat, haben die Dresdner gern die Unterschrift für den Erhalt des Kulturpalastes gegeben. Es kamen ganz schnell 2.000 Unterschriften zusammen. Aber zum “Treffpunkt Kulturpalast” jeden Mittwoch 18 Uhr vor dem Kulturpalast sind jedesmal nur wenige Dresdner auf den Beinen, etwa 50 bis 100. Aber vor allem zu den Treffs bekommen die Dresdner die neuesten Informationen. Die Medien berichten über das Thema wenig schlüssig oder gar nicht. Oft meint man, es sei reine “Hofberichterstattung”. Kaum ein Medienvertreter hat sich ausführlich informiert, z.B. auf dieser Homepage, die wohl fast alle Informationen über den Sachstand enthält. Sie haben das Thema schon lange abgehakt. Wie auch die Politiker. Ich bin in der CDU und entsetzt über meine Partei. Seit zwei Jahren versuche ich mit plausiblen, auch wirtschaftlichen Argumenten an die Vernunft zu appellieren. Vergebens. Dennoch darf man nicht aufgeben. So lange die Abrissbirne noch nicht ihr zerstörerisches Werk vollzieht, muss man zuversichtlich sein. Es kann ja sein, dass sich die Vernunft doch noch durchsetzt.
    Zumindest das bürgerschaftliche Engagement ist neu belebt. Dresdens Erben e.V. kann der Kristallisationspunkt werden, der Bürgerbeteiligung ohne parteiliches Zutun ermöglicht. Hier sollten viele Dresdner Mitglied werden, denen Dresden in seiner ganzheitlichen Bedeutung am Herzen liegt und die für eine sorgsame Entwicklung eintreten.
    In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich, Ihre Margita Herz, Mitglied bei Dresdens Erben e.V.

    … schrieb Margita Herz am Dienstag, dem 05.04.2011, um 07:38 Uhr.