Ein neues Kunstviertel für Dresden

Sonntag, 19. Juni 2011

von Heidrun Laudel

Die Stadt Dresden wird mit dem Projekt für ein Kunstviertel beglückt, an dem alles zu stimmen scheint:

  • Ein im zentralen Bereich der Stadt gelegenes, bislang verwahrlostes Areal wird gestaltet und könnte dazu beitragen, dass die Ödnis an der Stadtseite des Kongresszentrums beseitigt und die „Kunstmeile“ allmählich ihrem Namen gerecht wird.
  • Der ins Auge gefasste Mix von Wohnen und Kultur (Kunsthalle, Theater) verspricht Lebendigkeit – und, was das Beste ist:
  • Die Stadt braucht dafür keinen Cent an Geld einzusetzen. Mit dem Münsteraner Hanno Höyng1, dem Leipziger Architekten und Immobilien-Ökonom Andreas Wolf2 und dem Münchner Landschaftsplaner Tilman Latz3 hat sich eine recht seriös erscheinende Arbeitsgemeinschaft Ostra-Development gebildet, die gute Chancen sieht, für das Projekt Investoren zu gewinnen.

Nimmt es da Wunder, dass die Stadträte förmlich „aus dem Häuschen sind“ und zwar in seltener Einmütigkeit? Der Plan wäre im Bauausschuss geradezu euphorisch begrüßt worden, erfahren wir aus der Presse. Hans-Joachim Brauns (CDU) hebt gar einen feierlichen Ton an: „Heute geben wir den Startschuss für etwas Außerordentliches.“

Dennoch meldeten sich im SZ-Forum sofort kritische Stimmen: Die Nachricht, es wollten Stararchitekten aus aller Welt mitarbeiten, kommentiert „youngwoerth“ mit: „Das ist das Letzte, was Dresden braucht.“ Und die Feststellung von Stadtrats Brauns „Wir können uns als Stadt glücklich schätzen, dass wir in dieser Liga4 angekommen sind.“ tut er oder sie mit der Bemerkung ab: „Der altbekannte Dresdner Provinzkomplex.“ Ist das die typische Dresdner Meckerei, die man am besten übergeht? Oder sind vielleicht doch ein paar Fragen an das Projekt zu stellen?

So stellen sich die Planer das neue Kunstviertel vor.

Bis jetzt hat der Bürger das Ganze so präsentiert bekommen, als handle es sich um ein flüchtiges Sommer-Event und nicht um eine stadträumliche Maßnahme von einigem Gewicht. Da fällt kein Wort darüber, welcher Stellenwert dem privatwirtschaftlich zu entwickelnden und zu nutzenden Areal im Stadtgefüge zugeschrieben wird bzw. zuzuschreiben ist, wie sich das Projekt in die Leitbildvorstellungen der Entwicklung der Innenstadt einfügen könnte. Um nicht der Leichtfertigkeit bezichtigt zu werden, wären zumindest einige Fragen anzusprechen gewesen, die – so ist zu hoffen – in gut informierten Kreisen diskutiert werden. Für den uneingeweihten Bürger tun sich vor allem drei Problemkreise auf.

1. Silhouette – Sichtachsen: Einzig die Frage der Silhouettenwirkung ist bislang – auch durch die bildliche Veranschaulichung – aufgeworfen worden. Tatsächlich ist es wichtig, genau zu untersuchen, ob und auf welche Weise das Areal einen Eintrag in die Silhouette erhalten kann. Was da als erste Idee erscheint, durchbricht die bisherige gestalterische Konzeption, bei der das allmählich ansteigende Kongresszentrum zum bildhaft-dominanten Gebäude der „Yenidze“ überleitet. Vor allem aber müssen bei der Entwicklung der Bebauung die verschiedenen Sichtachsen in den Blick genommen werden.

Wir haben es hier mit dem Areal des einstigen „Kleinen Ostrageheges“ zu tun, in dem die als weitreichende Blickachsen fungierenden Alleen durch das eigentliche Ostragehege ihren Anfang nahmen (heute noch komplett vorhanden: die Pieschener Allee). Dieser wichtigen Blick-Beziehungen wegen, die in der Ära des Barock vom Standpunkt der Altstädter Brücke (Augustusbrücke) her konzipiert worden sind, ist die Fläche lange Zeit nur gärtnerisch genutzt gewesen. Und auch die umgekehrte Richtung, die Blickbeziehungen, wie sie sich etwa von Pieschen her darbieten, bedürfen genauer Kontrolle. Konkret gefragt: Soll der „Ausreißer“ in der höhenmäßig homogenen Baustruktur der elbangrenzenden westlichen Altstadt – das Pressehochhaus – einen Bruder erhalten?

2. Kultur ist im großräumlichen Zusammenhang zu entwickeln: Es ist erfreulich, dass in das Projekt eine zu Recht schon so lange eingeforderte Kunsthalle integriert werden und das Areal generell eine kulturelle Aufwertung erfahren soll. Andernfalls wäre der Name „Kunstviertel“ verfehlt. Umso dringlicher wird es, für das Stadtzentrum und seine Anbindung an die Vorstädte ein auf die konkreten Orte bezogenes kulturräumliches Konzept zu entwickeln. Es gilt, so etwas wie ein „kulturelles Gesamtgewebe“ herzustellen. Es wäre darüber nachzudenken, wie sich dieses „Kunstviertel“ mit dem „Kulturkraftwerk“ und dem zu entwickelnden Areal um den Postplatz verknüpft.

Mag ja sein, dass dazu in Fachkreisen die Debatten längst laufen. Doch ist es geboten, die Bürger teilhaben zu lassen und ihre Meinung zur Kenntnis zu nehmen Deren Skepsis hat gute Gründe. Mit dem gültigen Konzept zum Umbau des Kulturpalastes haben sie ganz aktuell das Negativbeispiel vor Augen. Ein auf flexible Nutzungen ausgelegtes Volkshaus, das Entwicklungspotenzial bietet, wird mit Funktionen vollgestopft, die an anderen Orten – voneinander gesondert – Gebiete beleben können. Hier aber erstarren sie in einem Bibliothekskasten, in den ein streng auf klassische Musik ausgelegter Saal versenkt wird.

3. Ein Ausstellungspark für bauliche Monumentalplastiken ist unangemessen: Dass ein solcher Satz, man werde Stararchitekten aus aller Welt mitarbeiten lassen, inzwischen keine Begeisterungsstürme mehr auslöst, dürfte nicht überraschen. Und wenn dann noch der Name Edwin Chan aus dem Büro von Frank O. Gehry und der Verweis auf dessen Guggenheim-Museum in Bilbao fällt, dann stellt sich die Frage: Ist das eingekeilte Gelände hinter dem SZ-Hochhaus wirklich der Platz für solcherart Architekturikonen? Ist hier nicht viel mehr eine äußerst sensible Einbindung in die räumlichen Gegebenheiten gefordert? Darin liegt nun wahrlich nicht die Stärke eines Gehry, dem „Architekten, der unter die Künstler ging“. Und schließlich ist es auch etwas unglücklich, ausgerechnet ein Beispiel anzuführen, das für das Scheitern eines Stadtentwicklungskonzeptes steht. Längst fungiert der Begriff „Bilbao-Effekt“ als Beispiel dafür, wohin es führt, wenn bewährte Stadtentwicklungsprinzipien aufgegeben werden und an ihre Stelle die visionäre Kraft architektonischer Kreativität gepaart mit privatem Kapital tritt. Es dürfte sich inzwischen doch herumgesprochen haben, dass die Vision eines weltumspannenden Museumsnetzes, beruhend auf den Management- und Marketingprinzipien der New Economy, in die Bilbao eingebunden war, gründlich zusammengebrochen ist.

1 Hanno Höyng gehört zur Gruppe MDK, die drei Büros in Köln, Münster und Dresden betreibt. Auf ihrer Website benennt sie ihr gestalterisches Credo. Architektursprache sei „das Ergebnis einer Entwicklung, die jedem Projekt innewohnt. Architektur ergibt sich aus der aufmerksamen Beobachtung und der Analyse der Rahmenbedingungen und den Anforderungen der Situation. Architektonischer Ausdruck wird am stärksten, sobald er nicht nur als Form verstanden wird, sondern als schlüssiger Beitrag für den Alltag empfunden wird.“ Das klingt vielversprechend.

2 Andreas Wolf ist auch Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer.

3 Tilman Latz kommt aus dem in Kranzberg bei Freising ansässigen Büro Latz + Partner. Peter Latz, wohl der Vater, machte Furore mit seinem Konzept eines Landschaftsparkes für Duisburg im Rahmen des „Emscher-Park-Projektes“, wo er den Geist des Ortes walten ließ, indem er die Relikte der Industrielandschaft aufnahm und sich so gegen einen ganz Großen der Gartenbaukunst, den Franzosen Bernard Lassus, duchsetzen konnte.

4 Nur nebenbei: Was ist das für eine Sprache? Städte sind doch keine Fußballvereine. Mit dem Label, die jeweilige Stadt in eine höhere Liga aufsteigen zu lassen, arbeitet allerdings seit Jahren ECE mit dem Ergebnis, mit ihren Shopping Malls die Lebendigkeit der betroffenen Altstädte zu zerstören.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 19.06.2011 aktualisiert.
Sie können den Artikel als .pdf-Datei speichern ...
Gern können Sie auch diesen Artikel weiterempfehlen ...