Fitzcarraldos Traum

Freitag, 19. August 2011

Retter gesucht:
Dem spektakulären Kulturpalast
in Rabenstein bei Chemnitz
droht der Abriss

von Arnold Bartetzky

Fitzcarraldo, der von Klaus Kinski verkörperte Exzentriker aus Werner Herzogs gleichnamigem Kultfilm, der mitten im peruanischen Dschungel ein prachtvolles Opernhaus errichten wollte, hätte an diesem Bau seine Freude. Architektursprache und Dimensionen erinnern an Nationaltheater des 19. Jahrhunderts, die ländliche Lage lässt an eine zu groß geratene palladianische Villa denken. Wie ein Zyklop dominiert der Portikus mit seinem von sechs Säulen getragenen, wuchtigen Giebel die spärliche Bebauung des Chemnitzer Wohnvororts Rabenstein. Dahinter erstreckt sich ein mehrteilig gestaffelter Riesenbaukörper, dessen Massen von klassizisierenden Fensterumrahmungen und kräftigen Gesimsen gegliedert werden.

Dass der erste und einer der größten stalinistischen Kulturpaläste der DDR nicht in einer Großstadt oder an einem Mega-Kombinat, sondern im ländlichen Idyll am Erzgebirgsrand entstand, mutet wie eine der grotesken Fehlleistungen sozialistischer Planwirtschaft an. War es aber nicht. Denn die reichen Uranvorkommen hatten das Erzgebirge im Kalten Krieg zur strategisch wichtigsten DDR-Region für die Sowjetunion gemacht. Dessen Abbau war die Aufgabe des 1947 in Moskau gegründeten Unternehmens, das unter dem verharmlosenden Namen „Wismut AG“ den Rohstoff für das sowjetische Atomprogramm förderte. Zweihunderttausend Beschäftigte arbeiteten an verschiedenen Standorten im Erzgebirge für die Firma, die sich zu einem der größten Uranproduzenten der Welt entwickelte. Hohen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt und zugleich mit Privilegien überschüttet, waren sie die Adressaten des „Kulturpalasts der Bergarbeiter“, der in nur einjähriger Bauzeit aus dem Boden gestampft und am 14. Januar 1951 von DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl eröffnet wurde.

Der von den Architekten Kurt Ritter, Adam Bugner und Joachim Rackwitz nach einem sowjetischen Typenentwurf errichtete Prachtbau nahm neben einem Theatersaal mit neunhundert Plätzen und einem großen Tanzsaal unzählige Räume für Bildung und Unterhaltung auf, darunter eine Bibliothek, Musik- und Billardzimmer, ein Restaurant und ein Café. Die auftrumpfende Architektur des stalinistischen Neoklassizismus und die prunkvolle Inneneinrichtung mit Säulen, Lüstern und kunstvoll geschmiedeten Treppengeländern bildeten einen scharfen Kontrast zu den Ruinenlandschaften im stark kriegszerstörten Chemnitzer Stadtzentrum. Das vielfältige Programm, das von Volksvergnügungen bis zur Hochkultur des Theaters reichte, war in der Region konkurrenzlos.

Die Arbeitermassen wurden mit Bussen zu den Veranstaltungen in Rabenstein gekarrt, später kam auch das Chemnitzer Stadtpublikum hinzu, bis die Wismut AG 1967 den kostspieligen Kulturpalast schloss. Anfang der siebziger Jahre zog hier das DDR-Fernsehen ein, an der Rückseite wurde ein Erweiterungsbau angefügt, ein Großteil der Inneneinrichtung musste Aufnahmestudios weichen. Nach der Wende übernahm der Mitteldeutsche Rundfunk den Bau, seit dessen Auszug im Jahr 2000 steht er leer und verfällt. Seitdem scheiterte eine Umnutzungsidee nach der anderen am Investorenmangel, derweil Vandalismus den Verfall beschleunigte.

Letzteres stört den jetzigen Eigentümer, die bei Chemnitz ansässige „O.K. Haus- und Immobilienverwaltung GmbH“, nicht. Denn das Unternehmen hat zum Entsetzen der Denkmalschützer einen Abbruchantrag gestellt, um an Stelle des Palasts eine Einfamilienhaussiedlung zu errichten. Die Stadt lehnte den Antrag ab, der Eigentümer legte Widerspruch ein, dann einigte man sich darauf, das Verfahren für ein Jahr auszusetzen und dem Bau damit noch eine Chance zu geben. Diese Galgenfrist läuft im Spätsommer ab, ohne dass der Eigentümer ein überzeugendes Nutzungskonzept entwickelt hätte.

Dies erstaunt, denn die Immobilie hat nicht nur spektakuläre Architektur, sondern auch die Gunst der Lage zu bieten. Eine weitläufige Parklandschaft samt malerischem Teich umgibt den Palast, das benachbarte Erzgebirge lockt mit seinen Schönheiten, Chemnitz, das viel attraktiver ist als sein Ruf, liegt ganz nah, das nächste Autobahnkreuz noch näher. Eine Seniorenresidenz kann man sich hier ebenso vorstellen wie ein Gesundheitszentrum, ein Konferenzhotel ebenso wie eine extravagante Firmenrepräsentanz, oder auch alles zusammen.

Nicht der Mangel an Nutzungsmöglichkeiten ist das Problem des Rabensteiner Palasts. Was ihm fehlt, ist ein Investor, den er verdient.

Grund zur Hoffnung: Man munkelt, dass der Eigentümer den Palast auch verkaufen könnte, statt ihn abzureißen.

Hinweis: Weitere Informationen zum Kulturpalast gibt es auf einer Website aus Rabenstein sowie beim Stadtforum Chemnitz.

Anmerkung: Dieser Artikel ist in gekürzter Form in der FAZ vom 16.07.2011 erschienen.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 18.08.2011 aktualisiert.
Sie können den Artikel als .pdf-Datei speichern ...
Gern können Sie auch diesen Artikel weiterempfehlen ...

Kommentare abonnieren

Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Nach der FAZ greift nun auch die Süddeutsche in einem Beitrag vom 25.08.2011 unter dem bezeichnenden Titel „Abriss-Wahn im Osten: Ende der Kulturpaläste“ das Thema auf.

    Sollte es trösten oder stutzig machen, wenn gerade große westdeutsche Blätter beklagen, dass die Ostdeutschen fleißig dabei sind, die Eckpfeiler ihrer Architekturgeschichte dem Erdboden gleich zu machen?

    … schrieb Eduard Zetera am Montag, dem 29.08.2011, um 22:49 Uhr.