Sakrileg

Dienstag, 9. August 2011

Von Johannes Hellmich

So schnell geht es! In der Silvesterhauptstadt unseres aufstrebenden Freistaates, den ein rot eingeschlagenes Nachrichtenmagazin kürzlich gehässig das „rechtskonservativste und unfreieste aller Bundesländer“ nannte, wo tatsächlich aber, wie wir wissen, die Welt noch in Ordnung ist, wurde eben diese Ordnung durch wiederholten Vandalismus am kurfürstlichen Reiterstandbild angegriffen.

Und da alle Zeitungen ausführlich über den Frevel berichtet haben und ein Ende der Entrüstung sowohl beim Geschädigten als auch bei der Presse nicht abzusehen ist, wollen auch wir unser patriotisches Scherflein beitragen.

Bei allem redaktionellen Zorn aber über die Verhöhnung jenes sächsischen Ursymbols, das auch durch Siegelverzierung im Dienste des weltberühmten Dresdner Christstollens für Sachsens Glanz reitet, sollten wir uns zugleich auch glücklich schätzen, darüber streiten zu dürfen, ob der Zerstörungswut unserer Wohlstandskinder eher mit zackenbewehrter Umzäunung oder Wachposten nach dem Vorbild der Schweizergarde beizukommen ist. Denn der Rest der Welt scheint bekanntlich derweil im Chaos zu versinken. Eine patriotische Lokalpresse, die den Unterschied zwischen verbeulten Schwertern und ausgebrochenen Sandsteinzähnen einerseits und einer wilden Achterbahnfahrt der Krisen, Rettungen und Abwertungen irgendwie doch spürt, rät nicht zuletzt deshalb bei Dresdens Thema Nummer eins längst zu parteiübergreifenden, pragmatischen Lösungen.

Recht hat sie! Und was für eine historische Chance, sich im Kampf gegen das Kulturbanausentum endlich einmal gemeinsam und ohne Spaltung in selbsternannte Kulturbürger und echte Demokraten hinter dem goldenen Hinterteil zu scharen und dem vorübergehend unbewaffneten Reiter beherzt in die mediale Schlacht oder sogar hinunter zum Platz der Einheit zu folgen! Was für eine Möglichkeit, auch jenen Künstlern einmal erfolgreich die Grenzen aufzuzeigen, denen offenbar an Provokation (Pinkelnde Petra!) mehr liegt, als an sächsischer Harmonie. Und was für eine Ironie, dass Petras Kollegen den übermütig alkoholisierten Artisten nun selbst in misslicher Situation ertappten.

Die Zusammenarbeit mit den Behörden beweist, dass in Dresden nicht nur endlos gestritten, sondern im Ernstfall auch couragiert gehandelt wird. Spätestens jetzt sollten all jene, die in der jüngeren Vergangenheit auf unerträgliche Weise (Thierse!) die Arbeit der Sicherheitsorgane infrage stellten, die Notwendigkeit engmaschiger Datenerfassung im öffentlichen Raum verstanden haben. Fraglich, ob Oberstaatsanwalt Avenarius sein Angebot, „kein Betroffener werde einen Nachteil erleiden“, nach Lage der Dinge noch aufrechterhalten kann. Bedanken könnten sich sogenannte Datenschützer dafür bei ihren Künstlerbrüdern im Geiste.

Schließlich aber: Die Zeit drängt! Denn wie würde unsere zweifellos wachsame Bürgerschaft staunen, wenn die Aktienverkäufe der letzten Tage und spekulative Anlegerflucht ins gelbe Edelmetall dazu führten, dass nach der Plage des Kupferklaus nun eines Morgens der goldene Stolz Sachsens in Gänze verschwunden wäre! Moderiert dann Dirk Bach für immer „August im Zwingercamp“? Dann schon lieber Totalüberwachung, Polizeistaat und wochenlange Gerichtsreportagen über die Aburteilung der blasphemischen Trunkenbolde.

Wer in dieser merkwürdigen Zeit jedoch weiter sächsischer Idylle misstraut, kann im Züricher Tagesanzeiger einen aufschlussreichen Blick in den Abgrund außerhalb unseres Maschendrahtzauns werfen. Er findet eine exzellente Beschreibung des Verlustes jener Freiheit, vor der uns eine fürsorgliche Landesregierung gottlob von Anfang an bewahrt hat und wie die Welt nun das sächsische Erfolgsmodell übernimmt: In einer Symbiose von Dummheit und Rücksichtslosigkeit, Presse und Politik, Gleichgültigkeit und Untätigkeit – einem Sozialismus für Reiche.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Oh, Gott! Über die Zerstörung eines Unesco Welterbes wird beharrlich geschwiegen aber über dieses Provinzthema (Goldene Reiter) gibts tagelange Schlagzeilen!
    Danke Johannes Hellmich!

    … schrieb Faust am Dienstag, dem 09.08.2011, um 12:20 Uhr.

  2. @Faust
    Na ja, ganz so würde ich das nicht sehen. Immerhin ehrt der goldene Reiter denjenigen, auf dessen Idee die Landschaft zurückgeht, die zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Das war der Canale Grande des August des Starken.

    Aber was geht in den Köpfen solcher Kulturzerstörer vor, die jetzt den Goldenen Reiter heimsuchen. Stecken die mit denen unter einer Decke, die auch das Weltkulturerbe geschändet haben?
    Oder sind die Opfer einer Kulturpolitik, die man auf Grund von Einsparungen wegen sinnloser Verkehrspolitik wie bei der WSB eigentlich nicht mehr als solche bezeichnen kann?

    Wo soll denn Kulturverständnis herkommen, wenn an den Schulen schon ein Sanierungsstau von 850 Mio.€ herrscht? Wo soll Kulturverständnis herkommen, wenn die Kultur für Otto Normal ins Ostra-Gehege verdrängt wird? Oder wenn das Angebot an Kultur für das Umland durch Auflösung des Orchesters der Landesbühnen halbiert wird?

    … schrieb Silvia am Dienstag, dem 09.08.2011, um 16:27 Uhr.