Von Tieren und Menschen

Freitag, 2. September 2011

Engagement für Naturschutzbelange wurde zwangsläufig gesellschaftskritisch, es konnte, aber es musste nicht systemkritisch sein. Das ist ein wichtiger Unterschied. Immanent war diesem Umweltgedanken aber immer auch global gerichtete Konsum- und Wachstumskritik. Hier liegt der Grund für eine unüberwindbare Distanz mancher DDR-Oppositioneller gegenüber einem allzu stark wirtschaftlich und materiell ausgerichteten Freiheitsbegriff der Nachwendezeit und seinen oft abstoßenden Ausprägungen. Darin ist auch das Auseinanderdriften einer marktwirtschaftlich-freiheitlich argumentierenden Meinungsführerschaft und eines eher zivilgesellschaftlichen Umweltengagements begründet, das sich als Störfaktor schnell erneut am gesellschaftlichen Rand wiederfand.

Weil sozialistischer Planwirtschaft demokratische Legitimierung fehlte, konnten sich Umweltgruppen der Unterstützung breiter Bevölkerungsteile sicher sein. Diese Zustimmung kann heute nicht mehr vorausgesetzt werden, selbst bei vergleichbaren Gefährdungen der Umwelt. Obwohl die Motive des Umweltengagements unverändert blieben, werden sie heute nicht nur von der Nomenklatura, sondern weit in die Gesellschaft hinein als Behinderung empfunden. Im besten Sinne bürgerschaftliches Umweltengagement wurde und wird als politische Kraft wahrgenommen und bekämpft.

Aber klar ist auch: Der heutige hohe rechtliche Stellenwert des Natur- und Umweltschutzes kam weder über Nacht, noch war er Zugeständnis etablierter Politik. Auch im freieren Westen musste er gegen massive Widerstände durchgesetzt werden.

Der gesellschaftliche Bedeutungsverlust für ostdeutsche Umweltgruppen nach dem Zusammenbruch der DDR, ihre Selbstbeschränkung auf lokale Probleme, zeigt im Umkehrschluss auch die tiefe Skepsis gegenüber politischer Vereinnahmung. Bis heute sitzen Naturschützer deshalb oft genug zwischen allen Stühlen. Der in Freiberg öffentlich geführte, hoch interessante Schlagabtausch zwischen NaSa und SPD belegt, dass naturschutzrechtliche Ignoranz keineswegs das Privileg konservativer Parteien ist. Selbst das Verhältnis zur erstrittenen Energiewende bleibt nicht spannungsfrei.

Immerhin: Mit der Wende konnten sich Umweltgruppen der DDR durch weitverzweigte Vereinsstrukturen in den neuen Ländern fest verankern. Das grundsätzliche Spannungsverhältnis aber bestand weiter: An die Stelle sozialistischer Zukunftsvisionen trat jener „nachholende“ Aufbauwille, der erneut Vorrang vor Umweltschutz beanspruchte; jetzt, um Voraussetzungen für umfangreiche Erschließungen eines Aufbaues Ost zu schaffen. Dessen Erfolge sind im Verhältnis zu gigantischen Transferleistungen eher bescheiden ausfallen. Dass die Aufholjagd vielfach misslang, lag gewiss nicht an der unterstellten Blockadehaltung von Naturschützern. Einer offenbar gesellschaftfähigen hasserfüllten Polemik gegen eine drohende linksgrüne Umerziehung tat das aber keinen Abbruch.

Heilung der Stadt

Nirgendwo wird das Ausmaß der entstandenen Werteverschiebung sichtbarer als in den Lebensläufen der Beteiligten. Für Dresden lassen sich wohl keine größeren Antipoden des Konfliktes nennen als Achim Weber und Arnold Vaatz. Beim mutigen Sturm auf die Dresdner Stasi und dem zivilen Ende des unmenschlichen Verfolgungsapparates hatten sich die Wege beider Oppositioneller gekreuzt. Ihre weitere Entwicklung hätte nicht gegenläufiger sein können und sagt viel über Missverhältnisse und Missverständnisse der Nachwendezeit aus. Weiter für den Naturschutz engagiert und freundlicher Menschenfischer der eine, warf sich der andere an den Hals Helmut Kohls und wurde ausgerechnet Umweltminister. Geduldiger Arbeiter für die Bewahrung der Schöpfung der eine, Hassprediger der andere. Vergessen von seiner Stadt dieser, aber mit fetten Pfründen versorgt und hochdekoriert jener.

Viele Dresdner, die sich gemeinsam mit Achim Weber und der Grünen Liga für eine Bewahrung der kostbaren Stadtlandschaft eingesetzt haben, sind verstummt. Die Umweltverbände führen dieses Ringen fort.

Für Ende September hat auch das OVG Bautzen eine Entscheidung über Eingriffe in den Lebensraum geschützter Tiere oder – je nach Perspektive – Tierchen angekündigt. Die Richter stehen unter einem ungeheuren Druck des Faktischen – eine schlechte Ausgangslage für echten Rechtsfrieden. Dennoch sprachen sie im Oktober 2010 von einem offenen Ausgang des Verfahrens. Wenn das stimmt, wäre unter Umständen auch eine Rechtswidrigkeit des Planfeststellungsbeschlusses nicht „heilbar“. Heilbar sind in diesem Fall aber die Elbwiesen. Ein Rückbau der Waldschlösschenbrücke würde nicht das Ende des Straßenverkehrs oder der Demokratie bedeuten. Im Gegenteil: Er könnte entscheidender Schritt in einem schwierigen Reifeprozess werden, der Dresden und Sachsen zum respektierten Teil einer freien, entwickelten Zivilgesellschaft macht.

Dieser Frieden wäre nicht zu teuer erkauft.

Alle externen Links auf Verfügbarkeit geprüft und aktualisiert am: 05.09.2011.

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Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. M.E. ist dieser Text in jeder Hinsicht zutreffend!
    Nach 20 jähriger CDU-Regierung in Sachsen müsste endlich frischer Wind in unsere Stadt- und Landesregierung. Es ist schon nicht mehr auszuhalten!

    Und wir Sachsen (“das Volk!) sind schon immer viel zu fatalistisch und geduldig. Haben wir den Aufbruch und unsere Sehnsüchte vergessen?
    Herr Mücke ist unerträglich!

    Die Gerichtsverhandlung im Juni in Bautzen erwies sich trotz Abbruchs nach dem ersten Verhandlungstag übrigens als deutliche Ansage der beteiligten Richter gegen die “Tierchen”, mit Voreingenommenheit gegen die Rechtsanwälte der Grünen Liga, gegen die Aussagen der Biologen und Naturbeobachter der Umweltschützer usw.

    Erst nächste oder übernächste Generationen werden die inkompetenten und dümmlichen Politiker in Sachsen, explicit Dresden, ablösen und gute Entscheidungen für unsere Enkel und für das Wohl Dresdens fällen.
    Aus dem Stahl der WSB könnte man Maschinen für Afrika oder Brunnen oder Regenbeschaffungsanlagen bauen. Man muss die Monsterbrücke nur zerschneiden und abtransportieren.

    Lieber Herr H., jetzt sind “die da oben” einfach zu dusslig und in ganz Deutschland (und darüber hinaus?) auch durch ausgeprägte Ignoranz bekannt und – wir müssen sie noch ertragen!
    Herzlichen Dank für den ausgezeichneten Beitrag!
    C.E.R.

    … schrieb Christa Richter am Samstag, dem 17.09.2011, um 19:51 Uhr.