Ein Gespenst geht um

Montag, 28. November 2011

Artikel 6

(1) Unter voller Achtung der Souveränität der Staaten, in deren Hoheitsgebiet sich das in den Artikeln 1 und 2 bezeichnete Kultur- und Naturerbe befindet, und unbeschadet der durch das innerstaatliche Recht gewährten Eigentumsrechte erkennen die Vertragsstaaten an, daß dieses Erbe ein Welterbe darstellt, zu dessen Schutz die internationale Staatengemeinschaft als Gesamtheit zusammenarbeiten muß.

aus der Welterbekonvention der UNESCO, 1972

 

Ein Gespenst geht um in Dresden: Das Welterbe der Unesco. Wieder einmal. Und eigentlich sind es doch zwei, denn dieses Gespenst hat ein Geschwisterchen: Das Welterbenetzwerk. Vom großen Gespenst glaubten wir, wir wären es endgültig losgeworden. Das kleine war irgendwie die ganze Zeit da, schwer greifbar, aber eher harmlos. Nun droht das Welterbe nach Dresden zurückzukehren. Wie soll man sich verhalten und was ist zu tun? Von Johannes Hellmich

Es gibt wichtigere Themen dieser Tage, sollte man meinen, als die Frage, ob Hellerau Welterbe werden muss und ob das Statement des Netzwerkes Dresdner Welterbebewegung Relevanz für das Bewerbungsverfahren hat. Die heftigen Reaktionen auf die Pressemitteilung der Dresdner Welterben aber zeigen nicht nur alle Merkmale unbewältigter Konflikte, sondern offenbaren ungebrochene Bunkermentalität und absurde Missverständnisse. Anrufe, politische Hektik, „friendly fire“ und dumpfe Leserkommentare: Volkszorn und Lokalpolitiker konnten sich dabei oft nicht einmal entscheiden, ob sie selbst die Hellerauer Bewerbung ums Unesco-Prädikat aus Prinzip ablehnen oder – um es den „Brückengegnern“ zu zeigen – gut finden sollen. Und, obwohl die Pressemitteilung nur einen traurigen, außerhalb der Landesgrenzen allgemein bekannten Befund wiederholte, der Aufschrei: Was erlauben Thomas Löser? Für wen und mit welchem Recht spricht er?

Die Hellerauer Bewerbung dagegen ist Politik und Medien kaum der Rede wert. Was damit als normaler Verwaltungsvorgang erscheint, verdeckt tatsächlich nur Unsicherheit oder Ignoranz beim Thema Welterbe und schreibt damit den Konflikt fort. Einsilbigkeit und Heimlichtuerei der Hellerauer haben zur Akzeptanz einer erneuten Bewerbung kaum beigetragen, ja sie gilt den Gartenstädtern offenbar als verzichtbar. Seltsam genug vermittelt die hinter der Hellerauer Bewerbung stehende Interessengemeinschaft in ihren spärlichen Aussagen zum Welterbe den Eindruck, als wäre sie nicht Teil Dresdens, als ginge sie das „Trauma“ Elbtal nichts an.

Andererseits passt Helleraus Alleingang durchaus zur Weigerung von Stadt und Land, die Beschädigung Dresdens und seiner Bürger durch den Welterbeverlust 2009 auch nur zur Kenntnis zu nehmen, die Ministerin Schorlemer vor ihrem Seitenwechsel in den kräftigsten Farben ausmalte. Was für ein schöner Zufall: Aufarbeitung mit ungewollten politischen oder personellen Konsequenzen können zusammen mit einer erneuten Bewerbung still übergangen werden.

 

Endlich Welterbeniveau!

Zur Interessengemeinschaft, die am 1. November ihre Bewerbung für die deutsche Tentativliste der UNESCO Welterbekonvention beim Sächsischen Ministerium des Innern (SMI) einreichte, gehören nach Eigendarstellung die Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH, Grundbesitz Hellerau GmbH, Europäisches Zentrum der Künste Dresden und der Verein Bürgerschaft Hellerau e.V.

Hinweise auf die Welterbebewerbung finden sich nur beim Bürgerschaftsverein, Bezüge zu Unesco oder Welterbekonvention sucht man vergebens. Geboren wurde die Idee eines Hellerauer Welterbes nach eigenen Angaben 2009, als eine zufriedene Vereinsvorsitzende Carola Klotz zur Hundertjahrfeier die Welterbetauglichkeit Helleraus feststellte, noch bevor in Sevilla der absehbare Schlussakt des Dresdner Trauerspiels aufgeführt wurde:

Als im April 2009 zur 100-Jahr Feier von Hellerau die Vorsitzende des Bürgervereins, Carola Klotz, in ihrer Eröffnungsrede der Gartenstadt Welterbeniveau bescheinigte, ahnte wohl keiner, dass 2 Jahre später aus der vagen Idee ein Projekt geworden war (…).

Die Stadt Dresden, wohl noch leicht traumatisiert von der Aberkennung des Welterbetitels wegen der Waldschlöschenbrücke, hat zumindest wohlwollende Unterstützung signalisiert. Sollte allerdings Hellerau die ersten Hürden zum Welterbetitel erfolgreich meistern, dann hoffen wir auf etwas mehr als nur eine moralische Unterstützung.

Eine knappe Begründung, warum es das Welterbe sein soll und nicht die Goldene Hausnummer, reicht der Sprecher der IG, Fritz Straub, nach, für den der Titel vor allem helfen soll, Hellerau bekannter zu machen. Fritz Straub gilt im deutschen Blätterwald als gern porträtierter Erfolgsmensch, der in Hellerau eine zweite Karriere startete, die darniederliegenden Werkstätten mit zehn Treuhandmillionen flottmachte und nun ein wenig kürzer treten will, um das Welterbe zu bestellen und seine beeindruckende unternehmerische Lebensleistung mit einem kulturellen Titel zu schmücken.

Dass er mit der Hellerauer Bewerbung den sächsischen Welterbezerstörern eher in die Hände spielt als sie in Bedrängnis zu bringen, dürfte dem kühl kalkulierenden Manager klar sein. Ebenso, dass Straubs Vorpreschen zulasten der Chancen fürs Elbtal geht. Konkurrenz belebt auf diesem Feld leider nicht das Welterbegeschäft. Hier sollten kulturelle Verantwortung und Sensibilität im Vordergrund stehen. Über den Grund, der zur vorläufigen Aberkennung des Dresdner Welterbes führte, steht ein abschließendes Urteil weiter aus. Fraglich ist ohnehin, ob die Vergaberegularien fürs Welterbe die zunehmende Entwertung des Prädikats zum touristischen Gütesiegel noch wirksam aufhalten können.

An die naheliegende Möglichkeit, sein Vorhaben zuerst in der Dresdner Bürgerschaft bekannt zu machen, denkt freilich auch Herr Straub nicht:

Als Sprecher der Interessengemeinschaft fungiert Fritz Straub, Geschäftsführender Gesellschafter der Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH. „Wir sind uns einig, dass es dieser besondere Ort verdient hat, international bekannter zu werden. Die Recherchen, die zur Erstellung der Bewerbung notwendig waren, zeigen, dass Hellerau den von der UNESCO verlangten ‘außergewöhnlichen universellen Wert’ besitzt. Wir denken daher, dass der Ort gute Chancen hat, einer der sächsischen Kandidaten für die deutsche Tentativliste zu werden”, so Straub. Die Stadt Dresden begleitet das Vorhaben wohlwollend und begrüßt die zivilgesellschaftliche Initiative.

 

„Hellerau – Laboratorium einer neuen Menschheit“

Über den Inhalt der Bewerbung selbst erfährt der interessierte Welterbefreund gleichwohl auch beim Bürgerschaftsverein nichts. Was macht also dieses Hellerau so besonders, was hebt es aus anderen Gartenstädten heraus, die, wie das Berliner Falkenberg, schon seit über zehn Jahren auf einen Welterbestatus hoffen?

Mancher Dresdner schätzte an Hellerau gerade seine Abseitigkeit. Inzwischen ist der Charme eines verträumten ewigen Sommers auch in Hellerau längst steriler Exklusivität gewichen. Die Gartenstadt droht zum Themenareal zur werden.

Ihren Vordenkern bedeutete Gartenstadt sozialen Fortschritt, ihrem Wesen nach aber ist sie gemeinsamer Rückzug. Übrig geblieben von den Visionen der Sozialreformer ist eher Fragwürdiges: das Häuschen im Grünen als weltweites Lebensideal einer kreditwürdigen Mittelschicht am Rande zersiedelter Vorstädte. Von einer neuen Menschheit würde wohl heute lieber niemand mehr sprechen.

Hellerau aber will mehr sein. Ob originäre Kulturleistung oder nur ambitionierte Kopfgeburt, der allzu schnell die Puste ausging: In einigem Kontrast zur Beschaulichkeit der Gartenhäuser gibt es da noch jenes etwas verloren auf Hellersand stehende, fast monumentale Festspielhaus, das, nachdem die wilden Jahre vorüber waren, zurückbleiben und im Weiteren recht unangenehme Mieter beherbergen musste. Die Schlichtheit der Reformarchitektur wird allenthalben gepriesen, trotz neoklassizistischer Anleihen. Im Vordergrund der Bewerbung aber steht, folgt man der Überschrift, vorsichtshalber das Programmatisch-Konzeptionelle: ein Ensemble aus Leben, Arbeiten und kultureller Entfaltung.

Die revolutionäre Exaltiertheit des Anfangs vor einhundert Jahren, die der Anarchie des Molchs Großstadt ausgerechnet dort künstlerischen Ausdruck geben wollte, wo man sich abgewendet hatte, lässt sich heute nur mit immensem Aufwand fortführen. Wofür im Vorkriegsdeutschland eine Avantgarde Leben und Seele gab, wird heute künstlerisches Projekt oder – schlimmer – Event auf sozusagen höchstem künstlerischen Niveau durchgeführt. Selbstversuch und Experiment – einst Provokation der Urgewalten, verwegener Sprung ins Ungewisse, tanzt, donnert, musiziert weiter, in Performances und zeitgenössischer Musik, aber bleibt ganz folgenlos, sieht man von wohlwollender Rezeption der Kulturkritik in Deutschlands großen Gazetten und Kultursendern ab.

Versuche, der ursprünglichen sozialreformerischen Bestimmung nach Volksnähe gerecht zu werden, treiben dann so seltsame Blüten wie die Veranstaltung „Bed & Breakfast“, inspiriert möglicherweise von den Lesenächten an Dresdner Grundschulen, wo man allerdings mit Selbstgebackenem und Cornflakes ähnliche Wirkungen erzielt.

Hochkultur ist unbezahlbar, umso mehr, wenn ihr Gegenwert in Kindergartenplätzen und Straßen aufgerechnet wird und doch brauchen wir die letzten Refugien einer massenuntauglichen Kreativität. Ein Welterbe Hellerau aber würde auch den Betrieb des Festspielhauses stärker in den öffentlichen Fokus rücken. Das ist ja erklärtes Ziel. Die Aufmerksamkeit, die das Festspielhaus auf sich zöge, könnte seinen Betreibern am Ende mehr schaden als helfen, selbst wenn Welterbe-Förderprogramme den Bestand des Gebäudes sichern würden. Manchmal ist es klüger, die Dinge stillschweigend so zu belassen, wie sie sind.

 

Arroganz der Macht

Es ist möglich, dass ein Welterbekomitee die Einschätzungen der Vereinsvorsitzenden Klotz und des engagierten Werkstättenchefs Straub zum Welterbeniveau der Gartenstadt teilt. Es mag die Initiatoren der Hellerauer Bewerbung deshalb vor allem die Sorge umgetrieben haben, eine öffentliche, basisdemokratische Diskussion über einen neuen Dresdner Anlauf bei der Unesco könnte die Erfolgsaussicht schon am Anfang trüben, ja das „Trauma“ würde alles zunichte machen. Will man politische Absprachen oder mangelndes Interesse ausschließen, ist die Hellerauer Informationspolitik nicht anders zu erklären, es sei denn, grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zum Welterbe hätten einen Konsens von vornherein scheitern lassen.

Und es stimmt; den Dresdner Welterbefreunden ging es wohl zuallerletzt darum, das Elbtal bekannter zu machen, den Tourismus anzukurbeln oder Immobilien aufzuwerten. Wenn der Welterbebewegung nun aber mangelnde Solidarität vorgeworfen wird, müssen sich die Hellerauer fragen lassen, ob es nicht doch sinnvoll gewesen wäre, im Vorfeld das Gespräch zu suchen.

Die versäumte Einbindung der Dresdner ist indes mehr als nur eine Stilfrage. Zur Bewegung wurde bürgerschaftliches Engagement erst, als viele Dresdner begriffen, dass Stadt und Land keinerlei Interesse hatten, im eskalierenden Konflikt mit der Unesco einen wirklichen Kompromiss zu suchen. Daran änderten auch sächsische Reiseaktivitäten nach Paris nichts. Den Weg zum Kompromiss zeigten die Dresdner selbst: 50.000 Bürger unterschrieben ein Bürgerbegehren, dass die beschlossene Elbquerung am Waldschlösschen in einen Volltunnel umwandeln sollte. Union und FDP setzten bekanntlich eine gigantische Propagandamaschinerie in Gang, um den Tunnel technisch zu diskreditieren, rechtlich auszuhebeln und die Bürger in persona der Oberbürgermeisterin bis Sevilla über eine angebliche Welterbeverträglichkeit der Waldschlösschenbrücke zu täuschen. Das alles kann in Hellerau nicht gänzlich unbemerkt geblieben sein.

Mit welchem Recht nun spricht Thomas Löser, einer der Initiatoren des Tunnelbegehrens, weiter für diese Welterbebewegung? Kann über ein Netzwerk und seine Meinungen demokratisch abgestimmt werden? Ein Blick in die Lebenswirklichkeit der Bürgergesellschaft  zeigt, dass basisdemokratische Legitimierung zivilgesellschaftlichen Handelns im Sinne einer politischen Mehrheitsbeschaffung vielfach gar nicht mehr möglich ist. Menschen wollen sich nicht an Parteien und Mitgliedschaften binden, sondern “projektbezogen” und zeitlich befristet mitwirken. Das bessere Argument entscheidet. Bürgerinitiativen entstehen, suchen Gemeinsamkeiten, arbeiten zusammen. Informelle bürgerschaftliche Netzwerke haben Legitimität und Relevanz in dem Maße wie sie als solche anerkannt werden und ihr Handeln dem Gemeinwohl dient. Die Bürgerinitiative, die den Elbtunnel als Ausweg aus einer verfahrenen Situation auf den Weg bringen wollte, rückte naturgemäß ins Zentrum der Welterbebewegung. Thomas Löser war einer der unumstrittenen Sprecher. Aufgegeben hat er diese Funktion nicht.

Warum auch? Das Engagement für den Erhalt des Welterbes Dresdner Elbtal ist nach Sevilla nicht eingestellt, sondern in unterschiedlichen Formen weitergeführt worden. Schwerpunkte haben sich verschoben, Mitstreiter zogen sich zurück, andere sind dazugekommen. Die Zeit der spektakulären Aktionen von Michael Grasemann, der Kundgebungen und Mahnwachen mag vorbei sein: Ungebrochene Kontinuität gibt es dennoch bis hinein in demokratische Strukturen. Thomas Löser war einer von drei Bürgern, die 2009 mit dem Auftrag, die Belange des Welterbes wahrzunehmen, in den Stadtrat gewählt worden, Aktive treffen sich regelmäßig und durchaus nicht heimlich, es gibt abgestimmte Pressemitteilungen, E-Mail-Verteiler, Vorträge, Aufklärung, Basisarbeit. Nicht immer unter dem Label Welterbe, die Intentionen sind unverändert. Ziel bleibt die Wiederherstellung des Welterbes Dresdner Elbtal.

Vermutlich kann nur derjenige ermessen, welche Opfer an Zeit, Kraft, Gesundheit bis hin zu beruflichen und persönlichen Nachteilen viele Bürger für den Erhalt des Welterbes in Dresden gebracht haben, die das schreiende Unrecht hautnah miterlebt haben, das Ausmaß an Resignation und tiefster persönlicher Enttäuschung bei jungen und älteren Dresdnern, über das eine Arroganz der Macht gleichgültig hinwegging.

 

Ubertreiben wir nicht ein bisschen?

Die wenigsten Bürger haben aktiv an der ersten Dresdner Unesco-Bewerbung mitgewirkt. Auf den Ritterschlag für die alte sächsische Kulturstadt waren die meisten Dresdner stolz. Sie haben die damit verbundenen Versprechen ernst genommen, die sie selbst weder verlangt noch gegeben hatten. Es gehört in Dresden aber zu den verbliebenen protestantischen Grundtugenden, Verpflichtungen einzuhalten und Fehler zuerst bei sich selbst zu suchen.

Eine unreflektierte Neubewerbung für das Unesco-Welterbe wäre aus zwei Gründen fatal: Gerade jene, die den “Titel” für verzichtbar hielten, ja sogar über das Schreckgespenst einer Fremdbestimmung durch die Unesco fabulierten, würden dem Hellerauer Welterbe, das ja doch ein Dresdner wäre, ebenso schroff ablehnend gegenüberstehen, denn die behauptete Gefahr einer Unesco-Einmischung bliebe unverändert.

Der Verzicht auf die Aufarbeitung des Dresdner Welterbefiaskos wäre zugleich auch eine Bestätigung des sächsischen Irrweges und Ermunterung zur Fortsetzung. Ausgerechnet die Welterbezerstörer Biedenkopf, Milbradt und Tillich könnten sagen: Seht her, alles richtig gemacht – Wir allein bestimmen, was wann und wie Welterbe wird und bleibt! Hatte nicht die Oberbürgermeisterin den Dresdnern ein neues Welterbe versprochen? Ein problematisches Signal: Bleibt dieses Vorgehen ohne ernsthafte Konsequenzen, werden sie es genau so wieder probieren, was immer an guten Vorsätzen zu mehr Bürgerbeteiligung und Transparenz gefasst ist; nicht beim Welterbe vielleicht, aber bei tausend anderen Gelegenheiten.

Deshalb hat Löser recht, wenn er sagt, dass eine erneute Bewerbung durch das Elbtal führen muss. Der Schutz kultureller Werte kann nicht machtpolitischen Stimmungslagen überlassen bleiben. Es war weder Alarmismus noch Überhöhung, als prominente Künstler in der bewussten Inkaufnahme der Dresdner Welterbeaberkennung die deutsche Kulturnation als Ganzes bedroht sahen. Sollen diese gemeinsamen kulturellen Werte für Hellerau gelten, müssen sie es auch für das Elbtal.

Das Welterbe, so wie es die Unesco versteht, ist jedenfalls unteilbar. Seine Grundlagen gelten ebenso für Sachsen und jedes andere Land der Welt. Und sie existieren nur dann und solange, wie sie von genügend Menschen inhaltlich akzeptiert werden. Ihren sichtbaren Ausdruck finden sie in Symbolen. Unesco selbst und der Welterbetitel sind solche kulturellen Symbole. Eine der Folgen: Wird das Symbol in Frage gestellt, verlieren zugleich auch die Werte ihre Verbindlichkeit. Die Welterbekonvention von 1972, zu deren Unterzeichnern Deutschland gehört, soll diese Verbindlichkeit sichern. Die Gründe für diese Welterbekonvention sieht die Unesco unter anderem:

(…) in der Erwägung, daß die bestehenden internationalen Übereinkünfte, Empfehlungen und Entschließungen über Kultur- und Naturgut zeigen, welche Bedeutung der Sicherung dieses einzigartigen und unersetzlichen Gutes, gleichviel welchem Volk es gehört, für alle Völker der Welt zukommt;

in der Erwägung, daß Teile des Kultur- oder Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung sind und daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden müssen;

in der Erwägung, daß es angesichts der Größe und Schwere der drohenden neuen Gefahren Aufgabe der internationalen Gemeinschaft als Gesamtheit ist, sich am Schutz des Kultur- und Naturerbes von außergewöhnlichem universellem Wert zu beteiligen, indem sie eine gemeinschaftliche Unterstützung gewährt, welche die Maßnahmen des betreffenden Staates zwar nicht ersetzt, jedoch wirksam ergänzt (…)

Dieser Artikel wurde zuletzt am 29.11.2011 aktualisiert.
Sie können den Artikel als .pdf-Datei speichern ...
Gern können Sie auch diesen Artikel weiterempfehlen ...

Schlagworte:

Kommentare abonnieren

2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo Herr Hellmich,

    vielen Dank für diesen Beitrag.

    Herr Löser schrieb ja schon in der vorangegangenen Pressemitteilung, dass das Netzwerk die Hellerau-Bewerbung “prinzipiell begrüßt”.

    Somit wäre doch jetzt ein günstiger Anlass/Zeitpunkt, die “Beteiligten” aller Fronten endlich aus ihren Schützengräben heraus zu bitten, um mit einer einer konstruktiven Aufarbeitung des Debakels um das Elbtal-Welterbe zu beginnen, oder?

    Mitbürger, die “verzichtbar”-Statements von sich gaben, sollten genauso um Mitwirkung gebeten werden, wie solche, die sich mittlerweile in „Friends of Dresden”-Nischen mit Friedenspreis-Vergabe zurückgezogen haben. Denn nur ein gemeinsamer Aufarbeitungsprozess kann den inneren Frieden der Dresdner Einwohnerschaft wiederherstellen.

    Wann sollte der Gesprächsfaden zur Reflexion des “Welterbefiaskos” endlich aufgenommen (d.h. auch aus dem “Netzwerk” herausgetragen) werden, wenn nicht jetzt?

    … schrieb StephanR am Dienstag, dem 29.11.2011, um 00:59 Uhr.

  2. Verehrter StepahnR,

    Sie sprechen mich in gewisser Weise persönlich an, erlauben Sie mir eine persönliche Meinung.

    Wann, wenn nicht jetzt? fragen Sie und Ihr Wunsch nach Frieden und konstruktiver Aufarbeitung ist ebenso berechtigt wie – zumindest bei Dresdner Welterbefreunden – verbreitet. Ich teile diesen Wunsch, dennoch frage ich Sie:

    Warum gerade jetzt? Fünf Hinweise:

    - Jetzt, da mit der Hellerauer Bewerbung wieder einmal Fakten geschaffen wurden?

    - Wie Sie vielleicht wissen, findet in diesen Tagen vor dem Bautzner OVG die mündliche Verhandlung zur Brücke statt. Wir alle hoffen auf ein faires Urteil. Wie groß, meinen Sie, wird wohl die Gesprächsbereitschaft der Landesregierung sein, wenn der Planfeststellungsbeschluss für rechtens erklärt wird?

    - In Baden-Württemberg haben die Gegner von S21 eben eine schmerzhafte Niederlage erlitten. In billiger Verkürzung wird die auch auf Dresden heruntergebrochen.

    - Der Tourismus in Dresden ist nicht zurückgegangen. Es läuft alles prima. Dresden ist Stadt zahlloser Superlative.

    - Das Netzwerk Welterbebewegung gilt als Minderheit. Warum sollten sich die Repräsentanten einer nach außen hin zufriedenen Mehrheit mit ihnen auseinandersetzen?

    Davon abgesehen – was mag Aufarbeitung heißen? Wird sie ergebnisoffen sein? Schließt sie die Möglichkeit eines politischen Prozesses ein, an dessen Ende die Beseitigung des entstandenen Schadens im Elbtal steht? Werden Verantwortlichkeiten benannt, gar der Verfassungsbruch nach Artikel 1 der Landesverfassung? Oder geht es mehr um eine moralische Entlastung der Schadensverursacher, ein bisschen Selbstkritik und eine gemeinsame glückliche Zukunft mit ganz viel Bürgerbeteiligung und Heimatgefühl.

    Ich kann ein bestimmtes Harmoniebedürfnis gut verstehen und auch nachvollziehen. Oft verkennt es aber die tatsächliche Haltung des Gegenübers. Nebenbei ist es überall auf der Welt üblich, dass der Schadensverursacher das Gespräch sucht.

    Nun gut. Um etwas persönlich zu bleiben: Tillich hat mir gegenüber etwa wörtlich gesagt, dass er im Wählervotum der OB-Wahl 2008 eine Bestätigung des BE2005 für die Brücke sieht. Ich mache mir, was Tillich betrifft, keine Illusionen. Aus Sicht der Welterbezerstörer reduziert sich der Konflikt auf die Frage: Akzeptieren wir gemeinsam das Bürgervotum oder nicht. Das heißt: Es gibt für Union/FDP gar keinen Konflikt. Das Problem haben danach die Welterben mit der Demokratie. Die Reaktionen der Brückenfreunde beim Thema WSB und Welterbe zeigen freilich, dass es da viel Selbsttäuschung gibt. Einsichten müssen aber von innen heraus reifen.

    Die „verzichtbar“-Seite hat momentan weder ein Bewusstsein des entstandenen kulturellen Schadens, noch eines Rechtsbruchs (Welterbekonvention). Wir haben deshalb nicht einmal Mindestvoraussetzungen für ein – wie auch immer geartetes – sinnvolles Gespräch. Ein fauler Frieden, meine ich, würde niemandem helfen.

    Die BI Dresdner Erben zum Beispiel zeigt, dass es nicht nur Nischen gibt, sondern ein Engagement von all dem unabhängig weitergeht.

    Was denken Sie?
    Gruß JH

    … schrieb JH am Dienstag, dem 29.11.2011, um 19:52 Uhr.