Rufplätze im Niemandsland

Samstag, 18. Februar 2012

Dr. Sporbecks gesammelte Kenntnisse zum LRT 3270 reichten auch nicht, um Barrierewirkungen der Brücke fachlich überzeugend auszuschließen. Die von ihm noch 2011 (Anmerkungen) in Abrede gestellten Wirkungen durch Bauarbeiten im Brückenbereich und Brückenbauwerk weist Matthias Schreiber für Arten des Lebensraumtyps Säbeldornschrecke (Tetrix subulata) und Bernsteinschnecke (Oxyloma elegans) nach. Während die Säbeldornschrecke nach Schreiber ohne Vorkommensnachweis nicht nur als Indikator für eine zu untersuchende Zerschneidungswirkung ausscheidet, sondern eher als Indikator für eine bereits vorhandene Schädigung der Biodiversität des LRT 3270 gesehen werden muss, und die durch Schattenwirkung entstandene lebensfeindliche Umwelt unterhalb der Brücke bestenfalls vereinzelt überwinden könne, träfe diese Möglichkeit auf die Bernsteinschnecke in keinem Fall zu6.

Um die Barrierewirkung auf die Artenvielfalt des Lebensraumtyps zu bewerten, hätte als Indikator also die Bernsteinschnecke mit ihrem Ausbreitungspotential herangezogen werden müssen. Schreiber spricht deshalb von einer völligen Unverträglichkeit im Hinblick auf die Zerschneidungswirkung des Bauwerks.

Einen ähnlich unbefriedigenden Eindruck hinterließ das Büro Froelich & Sporbeck beim Konflikt um das geplante Steinkohlekraftwerk in Lubmin am Greifswalder Bodden. Dort hatten mehrere Bürgerinitiativen gegen die möglichen ökologischen Folgen des Großprojektes mobil gemacht. Erfolgreich. Der dänische Energiekonzern Dong war mit dem Wunsch nach einer schnellen Genehmigung gescheitert und hatte im Dezember 2009 entnervt aufgegeben. Ansonsten auch im Norden die übliche Vorgehensweise der Projektplaner. Während einer Anhörung notierte ein Kraftwerksgegner:

- Protokoll 05.11.08, Seite 66: „Außerdem will er von dem Büro Froelich & Sporbeck wissen, worauf das Aussterben des Störs zurückzuführen ist und wie die Wiederbesiedlung erfolge.“ Zu ergänzen ist: Mit dieser Frage war das [übrigens nach wie vor unlizenzierte] Büro Froelich & Sporbeck aufgefordert, sich endlich zur Stör-Problematik [prioritäre Art gem. FFH-RL] zu positionieren. In keinem der Gutachten von Antragstellerseite ist dieses u. U. entscheidende Thema nämlich berücksichtigt worden. Ferner ist die Textstelle dahingehend zu ergänzen, dass keiner aus dem Froelich/Sporbeck-Team auf diese meine Fragen antwortete.

Als Auftragnehmerin freistaatlicher Programme, wie der Monitoringprogramme für Fischotter und Kormoran oder öffentlich geförderter naturschutzfachlicher Handreichungen für Hersteller von Windanlagen überaus agil, ist auch die Biologin Kareen Seiche. Und doch darf ihr wohl eine verbreitete Form von Idealismus unterstellt werden, der glaubt, der guten Sache gerade dadurch wirksamer helfen zu können, dass er sich an anderer Stelle gelegentlich „die Hände schmutzig“ macht. Am Ergebnis ändert das freilich nichts.

 

Mit Kanonen auf Katzen

Berufsethische Fragen beantwortet auch der Chef des Kieler Institutes für Landschaftsökologie, Ulrich Mierwald, eher zwiespältig. Die irreführende Bezeichnung Institut mag den Eindruck einer Universitätsanbindung erwecken, tatsächlich ist Mierwalds Firma ein Einzelunternehmen, nicht anders, als bei vielen seiner Beraterkollegen. Und, obwohl er es, wie man sagt, geschafft hat, ist Dr. Mierwald also zuerst Dienstleister, für den am Monatsende die Beobachtung der Kontoauszüge ebenso wichtig sein dürfte, wie die der Artenvielfalt seines Versuchsgartens.

Auch er verwendet, wie Naturschutzexperte Sporbeck, jene Schlüsselwörter und Begrüßungsformeln, die vor allem Berührungsängste von Vorhabenträgern ausräumen sollen: Innovation, termingerecht, „zuverlässige Erledigung der uns aufgetragenen Arbeiten“ usw. Während Sporbeck mehr oder weniger Klartext redet, bleibt Dr. Mierwald aber lieber nach allen Seiten offen. Wozu Mierwald dennoch fähig ist, zeigt, dass er sein Prüfziel, Naturschutz an Unternehmungen von Anderen anzupassen (notfalls durch Vertreibung geschützter Vögel), mit guter Erreichbarkeit des Büros in Verbindung bringt:

Umweltverträglichkeit ist nicht nur ein Prüfziel für die Unternehmungen von Anderen. Auch unsere eigenen Tätigkeiten messen wir an diesem Anspruch. So wurde die Lage unseres Büros so gewählt, dass wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht erreichbar sind. Nach Möglichkeit nutzen wir Bus oder Bahn, um zu Ihnen zu kommen.

Die Gleichbehandlung aller Geschlechter und die Kompatibilität von Familien- und Arbeitsleben sind uns sehr wichtig.

Über so viel Umweltverträglichkeit dürften sich die meisten Geschlechter (und Geschlechterinnen) fraglos freuen. Mit Innovationen jedenfalls, wie beim Pudelmützenversuch, scheint es Ulrich Mierwald durchaus ernst zu sein, besonders, wenn es um geeignete Schutzmaßnahmen für Wachtelkönige geht. Die gängige Praxis, durch Katzen bedrohte Brutgebiete der Wiesenralle mit Wassergräben einzufassen, ist aufwendig und teuer. Die Gemeinde Neu Wulmstorf (zwischen Hamburg und Buxtehude) aber wollte beides: Einen neuen Wohnpark und preiswerten Artenschutz. Entsprechend groß war die Begeisterung der Gemeinderäte, als Dr. Mierwald Schallkanonen für Katzen empfahl, die sich bei britischen Kleingartenbesitzern großer Beliebtheit erfreuen. Die Richtung ist klar: Experimenteller Artenschutz aus dem Baumarkt zum Schnäppchenpreis.

Dr. Mierwalds besonderes Verhältnis zu Wachtelkönig und Katzen hat, das werden nicht einmal die Anwälte des Freistaates bestreiten wollen, erhebliche Auswirkungen auf das Verfahren zur Waldschlösschenbrücke. Seine Aufgabe war und ist es (neben der innovativen Erforschung des Flugverhaltens von Fledermäusen), die Eignung der Elbwiesen in Höhe Johannstadt und Waldschlösschen als Lebensraum und Brutgebiet für Wachtelkönige auszuschließen und auf das Ostragehege zu beschränken. Dafür – und das muss man leider wörtlich nehmen – ist dem Ornithologen fast jedes Mittel recht.

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Dieser Artikel wurde zuletzt am 27.02.2012 aktualisiert.
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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Vielen Dank für diesen umfangreichen Beitrag, der auch für mich als Beobachterin der Gerichtsverhandlungen im Verfahren der Naturschutzverbände gegen die Planfeststellung der WSB noch viele interessante Zusatz- und Hintergrundinformationen lieferte, besonders zu den rechtlichen Grundlagen des Verfahrens, zu den Gutachtern der Beklagten und zu einer der wichtigsten geschützten Tierarten, um die es in diesem Jahr an mehreren Verhandlungstagen ging.

    Aber ich möchte auch noch eine Kleinigkeit beisteuern zu dem Bild. Die Bedeutung erhält dieses Bild dadurch, dass der Große Wiesenknopf als Habitat also als geschützte Futterpflanze und Fortpflanzungsstätte des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings betrachtet werden muß, der auf der Neustädter Elbseite mit einigen Exemplaren und Eiablagen nachgewiesen wurde. Auch Nester seiner ebenfalls für seine Fortpflanzung notwendigen Wirtsameisen wurden in der Nähe der Waldschlösschenbrücke gefunden, auch in der Neustadt allerdings auf der anderen Seite der Brücke. Für mich ist das ein eindeutiges Beispiel für die Zerschneidungswirkung der Brücke, die von den Beklagten das gesamte Verfahren hindurch bestritten wurde.

    Darüber hinaus bestritten die Beklagten, dass es vor der Baufeldfreimachung auf der jetztigen Baustellenfläche die in anderen Unterlagen für die Fläche ausgewiesenen Eiablagen des Dunklen Wiesenknopfameisenbläulings gegeben habe. Wer soll das angesichts direkt am Bauzaun wachsender üppiger Wiesenknopfbestände glauben? Der ungemähte Streifen direkt neben der Baustelle war voll von Wiesenknopf-Pflanzen.
    Nur hätte der Ameisenbläuling hier nach Inbetriebnahme der Brücke wohl keine Chance, weil der zusätzliche Stickstoffeintrag in die Magere Flachlandmähwiese bekannlich durch mindestens 2 Mahden beseitigt werden soll – damit wird dann wohl gemäht, bevor die Entwicklung der Raupe im Wiesenknopf abgeschlossen ist.

    … schrieb Silvia Friedrich am Sonntag, dem 19.02.2012, um 19:48 Uhr.

  2. Vielen Dank Herr Hellmich für diesen wichtigen Beitrag, das die sächsische Justiz auch in anderen Fällen unter ständiger Kritik steht, kann man heute in der ZEIT online Ausgabe lesen:

    http://www.zeit.de/2012/10/Mandy-Kinderbordell-Sachsensumpf/komplettansicht

    (auch Leserbriefe lesen!)

    Ich hoffe, dass außerhalb von Dresden endlich Recht gesprochen wird.

    … schrieb Friedericke Faust am Freitag, dem 02.03.2012, um 11:48 Uhr.