Der Totalumbau des Kulturpalastes – Ein Dresdner Trauerspiel

Sonntag, 15. April 2012

Anmerkungen zum Irrglauben von Freiheit ohne Verantwortung
von Jörg Lucke

Es war einmal eine altehrwürdige Stadt. Schöpferische, pfiffige und fleißige Bauleute aller Gewerke, weitblickende Stadtplaner, ideenreiche Architekten, Bildhauer, Maler, Schriftsteller, Komponisten, Musiker, Wissenschaftler, Erfinder und kunstsinnige Monarchen aus allen Himmelsrichtungen haben über Jahrhunderte hinweg in Dresden ihre überwiegend segensreichen Spuren hinterlassen. Sie schufen eine Stadtmitte, die Ihresgleichen suchte, mit der Frauenkirche als Stadtkrone, vergaßen aber auch die vorgelagerten Orte nicht, so dass zwischen Übigau und Pillnitz eine einzigartige Kulturlandschaft entstand, deren Sahnehäubchen die Elbe mit ihren naturbelassenen Auen, Hängen und romantischen Seitentälern bildete. Ihr Ruf als Stadt der Künste, die von und mit dem Fluss lebte, verbreitete sich schnell über die Landesgrenzen hinaus, was ihr schließlich den Titel eines sächsischen Florenz einbrachte. Sie überstand mehrere Stadtbrände und regional begrenzte militärische Scharmützel. Bis am Ende des zweiten Weltkrieges, der wie der erste von Deutschland ausging, die Dresdner Innenstadt weitflächig in nur zwei Bombennächten in Schutt und Asche gelegt wurde.

Die neuen Herren wollten radikal mit der Vergangenheit brechen und erträumten sich ein sozialistisches Dresden, dessen Stadtbild weitgehend ohne protzige Villen, Bürger- und Gotteshäuser auskommen sollte. Die Sophienkirche wurde das wohl bekannteste Opfer dieser engstirnigen Baupolitik. Bald setzte sich jedoch die Einsicht durch, dass mit dem Bau von Wohnungen allein kein Staat zu machen war. Schließlich wollte man mit dem neuen Dresden auch repräsentieren. Diesen Umstand machten sich mutige Denkmalpfleger und junge Architekten zunutze, um wichtige steinerne Zeugen vergangener Jahrhunderte wie den Zwinger, die Semper-Galerie, die Semperoper, das Japanische Palais, die Katholische Hofkirche, das Palais im Großen Garten, das Schloss u. a. zu retten und den uniformen Wohnzeilen architektonische Unikate an die Seite zu stellen. Sie hofften, auf diesem Wege Dresden sein historisch gewachsenes Gesicht wenigstens in Teilen wiederzugeben und durch originäre Neuschöpfungen zu bereichern. Dieses Ziel konnte trotz zum Teil erheblicher ideologischer Widerstände in Ansätzen erreicht werden.

1989 erlebte Dresden eine weitere, von vielen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt erhoffte Zeitenwende, die für einen bekannten Dresdner Kabarettisten lediglich eine „Kehre“ darstellt. Die Hoffnungen, die die Menschen mit der neuen Zeit verbanden, waren immens. Zwanzig Jahre danach kehrt Ernüchterung ein. Die jetzigen Herren nennen sich christlich-demokratisch und freiheitlich-liberal. Sie stellen den Oberbürgermeister/die Oberbürgermeisterin und die Mehrheit der Ratsherren. Außerdem dominieren sie den Stadtrat. Diese Machtfülle spaltet seitdem die Stadt. Unter der konservativen Stadtregierung wurde der Stadt wegen des Baus der Waldschlößchen-Brücke der Welterbe-Titel aberkannt. Außerdem erhebt der Freistaat erstmalig für den Besuch des Pillnitzer Schlossparkes Eintritt. Die Stadtregierung trat diesem Willkürakt des Landes Sachsen nur halbherzig entgegen.

Die Denkmalpfleger, die zu DDR-Zeiten unter schwierigen Bedingungen Beispielhaftes leisteten, wähnten sich nach der gesellschaftlichen Umwälzung endlich frei, mussten aber erkennen, dass auch die neue Ordnung so frei nicht ist. Wenn es die Lage erfordert, werden der Denkmal-, Landschafts- und Umweltschutz auch schon mal außer Kraft gesetzt. Und der architektonischen Nachkriegsmoderne der DDR der Kampf nicht nur angesagt, sondern auch durchgezogen. Wie die Bilderstürmer früherer Jahrhunderte (hier beziehe ich ausdrücklich entsprechende Aktionen der DDR mit ein) tilgen die Verantwortlichen der Stadt ein Bauwerk der Nachkriegsmoderne nach dem anderen aus dem Stadtbild oder verstümmeln es bis zur Unkenntlichkeit. Dieser Geschichtsvergessenheit zum Opfer gefallen sind bereits u. a.: die Zwingergaststätte, die Webergasse, das Centrum-Warenhaus, der Gaststättenkomplex „International“ und die Prager Straße. Wären sie nach ihrer Schleifung durch Qualitätsarchitektur ersetzt worden, wäre das Kopfschütteln weniger groß. Stattdessen wurde und wird qualitätsvergessene Investorenarchitektur hingeklotzt, frei nach dem Motto: schnell, billig und gewinnbringend. Die neue Prager Straße, der Altmarkt und der Postplatz lassen grüßen.

Jüngstes Beispiel dieses Trauerspiels ist der Kulturpalast. Am 4. April 2012 beschloss der Dresdner Stadtrat mehrheitlich die Zerstörung des Mehrzwecksaales, der sich über vier Jahrzehnte als Gastgeber sowohl für Konzerte der Philharmonie als auch für die sogenannte Unterhaltungskunst bewährte. An seiner Stelle soll ein reiner Konzertsaal für die Philharmonie (ein sogenannter Weinbergsaal) entstehen. Außerdem erhalten die Herkuleskeule und die Städtische Hauptbibliothek hier ihr neues Domizil. Die offizielle Sprachregelung lautet, dass der Kulturpalast dadurch ganztägig nutzbar gemacht werden könne und so tatsächlicher kultureller Mittelpunkt der Stadt würde. M. E. scheinen es eindeutig kommerzielle Gründe zu sein.

Der schleichende Umbau begann jedoch wesentlich früher. Von der breiten Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, zogen im Erdgeschoss nach entsprechenden baulichen Veränderungen die Tourist-Information und das Informationszentrum der Frauenkirche ein. Eine erste brandschutztechnische Ertüchtigung führte zu weiteren Eingriffen in den Baukörper.

Unbestritten ist, dass ein Veranstaltungshaus nach über 40-jähriger Nutzung dringend einer Sanierung bedarf. Der Architekt des Hauses hat hierfür schon sehr früh eigene Vorschläge unterbreitet, die vor allem auf eine brandschutztechnische und akustische Ertüchtigung zielten. Diese behutsame Sanierung im Bestand hätte auch den Mehrzwecksaal akustisch so aufgewertet, dass es der Philharmonie und Gastorchestern möglich wäre, das ganze Repertoire der klassischen Konzertliteratur aufzuführen. Stadt und Philharmonie liefen dagegen Sturm. Sie beharrten auf dem intern längst ausgehandelten reinen Konzertsaal für die Philharmonie, die diesen in einem Offenen Brief an die DNN vom 3. 4. 2012 als „alternativlos“ bezeichnete. Zur Erinnerung: 2010 wurde „Alternativlos“, das Lieblingswort der Bundeskanzlerin, zum „Unwort des Jahres“ gekürt, weil das Wort „sachlich unangemessen (suggeriere), dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe“ (Wikipedia). Sie setzt damit die „Basta-Politik“ ihres Vorgängers nahtlos fort. Die Parteien, die in Dresden die Politik dominieren, folgen diesem Kurs bedingungslos. Im Falle des Kulturpalastes leider auch die Mehrheit der Grünen im Stadtrat.

Wie zu erwarten, erhielten die Befürworter einer behutsamen Sanierung im Bestand, allen voran Chefarchitekt Hänsch, auch in der Dresdner Presse keine Möglichkeit, der Öffentlichkeit ihre Pläne umfassend vorzustellen. Selbst auf der von Dr. Hänsch für den Tag der sogenannten Expertenanhörung eilig einberufenen Pressekonferenz unter dem Motto „Harmonischer Umbau“ ging es mehr um die Kosten als um Architektur, Brandschutz und Akustik. Diese fehlende Bereitschaft, auch den Kritikern eines Totalumbaus ein Podium zu geben, belegt nicht nur der überwiegende Teil der redaktionellen Beiträge, sondern auch die Auswahl der Leserbriefe in der „Sächsischen Zeitung“. Innerhalb zweier Monate erhielt z. B. ein Leser gleich drei Mal die Möglichkeit, seiner Forderung nach Abbau und Verlagerung des Kulturpalastes kundzutun. Im Leserbrief vom 31. 1. 2012 schlägt er vor: „Abgebaut, in Einzelteilen an einen anderen, besseren Standort gebracht, außerhalb des Stadtzentrums und dort wiederaufgebaut, wäre die vernünftigste und kostengünstigste Variante für Dresden. Denn dann könnte das derzeitige große Kulturpalast-Areal am Nord-Altmarkt wieder mit Häusern mit historischen Fassaden bebaut werden, die dann Wohnungen, Geschäfte oder Büros beherbergen könnten. Der Kulturpalast steht jetzt leider nur noch wie ein sperriger Fremdklotz traurig an dieser Stelle. Eine Neubebauung wie oben genannt, würde dieses Areal innenstadtverträglich aufwerten und vor allem Kaufkraft auf diesem Areal binden.“

Wohlmeinende Stimmen gab es natürlich auch, aber was können diese schon bewirken, wenn das Ergebnis von vornherein feststeht. Das unterstreichen sowohl der bisherige Verlauf des Urheberrechtsstreites Dr. Hänsch contra Stadt Dresden als auch die sogenannte Expertenanhörung am 3. 4. 2012 und die Abstimmung über den Totalumbau oder die Sanierung im Bestand am folgenden Tag.

Die gemeinsame Sitzung der Ausschüsse für Finanzen und Liegenschaften, für Stadtentwicklung und Bau sowie für Kultur am 3. April war nur im ersten Teil öffentlich. In der Verwaltungssprache der Stadt nannte er sich „Öffentliche Anhörung unabhängiger Fachleute … zur Frage: Welche Baumaßnahmen sind bei einer Zielsetzung ,denkmalgerechte Sanierung mit akustisch hochwertigem Saal für die Philharmonie‘ mit den für das Umbau-Projektbudget veranschlagten Eigenmitteln realistisch möglich?“

Vom zweiten, nicht weniger interessanten Teil wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Immerhin ging es in ihm ebenfalls um die „Instandhaltung, Modernisierung und Umbau des Kulturpalastes“, aber auch um das „neue Finanzierungskonzept“, das notwendig geworden war, seitdem bekannt wurde, dass die fest eingeplanten Fördermittel der EU in Höhe von 35 Millionen Euro nicht zur Verfügung stehen. Diese fehlenden 35 Millionen Euro sollen nun aus den Geldern der Kreuzchor- und der Sozialstiftung fließen.

Die medial mit großen Vorschusslorbeeren angekündigte Expertenanhörung erwies sich aus mehreren Gründen als eine einzige Farce.

Erstens, weil es die hierfür vorgesehenen knappen zwei Stunden weder den Experten noch den Mitgliedern der betroffenen Ausschüsse ermöglichten, die Probleme des zur Verhandlung anstehenden Gegenstand ausgiebig darzustellen und zu hinterfragen.

Zweitens, weil sich der Moderator der Expertenrunde, Dr. Ralf Lunau, als Kulturbürgermeister von Anfang an für den Totalumbau des Kulturpalastes eingesetzt hat und damit qua Amt keineswegs „unabhängig“ war.

Drittens, weil ein abhängig Beschäftigter der Stadt, wie es der von der CDU benannte Chef des Hochbauamtes der Stadt ist, niemals als unabhängiger Experte hätte auftreten dürfen, ein Mann also, der quasi dienstlich maßgeblich für das Projekt „Umbau des Kulturpalastes“ verantwortlich zeichnet. Es verwunderte daher nicht, dass er in seinem Statement behauptete, dass die Sanierung im Bestand genau so viel kosten würde wie der Totalumbau, nämlich 81,5 Millionen Euro.

Viertens, weil die kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Christa Müller, am Ende der Anfragerunde das Abstimmungsergebnis des Stadtrates in dieser Sache vorwegnahm, indem sie demonstrativ verkündete: „Wir liegen völlig richtig.“ Deshalb solle die Stadt mit dem Umbau sofort loslegen (DNN vom 4. 4. 2012, S. 13).

Und fünftens, weil es unverantwortbar war, bereits am Tag nach der Expertenanhörung die Stadträte über den Umbau des Kulturpalastes abstimmen zu lassen. Hier liegt ein glattes Versagen der Mitglieder der drei federführenden Ausschüsse vor. Sie hätten eine Vertagung der Abstimmung im Stadtrat beantragen müssen, um ihre Entscheidung nicht unter Zeitnot treffen zu müssen.

So brauchte die Oberbürgermeisterin am nächsten Tag nur noch an die Vorlage ihrer Parteifreundin anzuknüpfen. Wie es sich am Vortag bereits ankündigte, konnte von einer freien Entscheidung der Stadträte keine Rede sein.

Zum Einen, weil die OB gleich zur Eröffnung der Stadtratssitzung die Linie pro Totalumbau vorgab, indem sie warnte: „Wenn wir es heute nicht schaffen, schaffen wir es nie“ (SZ vom 5. 4. 2012, S. 16). Vor der Wiedergabe des Zitates berichteten Bettina Klemm und Denni Klein vom Auftakt der Stadtratssitzung: „Es gehe um die wichtigsten Kulturinvestitionen Dresdens seit der Wende. So hatte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) gestern Abend den Stadtrat um Zustimmung für die beiden Großprojekte gebeten: Den Bau neuer Spielstätten für die Staatsoperette und das Theater Junge Generation (TJG) im Kraftwerk Mitte sowie den Umbau des Kulturpalastes. Dort soll die Dresdner Philharmonie einen neuen Konzertsaal und die städtischen Bibliotheken einen neuen Standort erhalten. Beides sind ambitionierte Vorhaben: Für das Kunstkraftwerk rechnet die von 86,7 Millionen und für den Kulturpalast mit 81,5 Millionen Euro. Doch Orosz erteilte Spekulationen, dass Kulturpalast gegenKulturkraftwerk ausgespielt werden würden, eine klare Absage. Operette und TJG mussten bereits viel zu lange auf eine Entscheidung warten.“

In meinen Augen eine klare Erpressung. Eine freie Entscheidung war auf dieser Grundlage gar nicht mehr möglich. Diese verhinderte zum Anderen der Fraktionszwang, zumal die mögliche Alternative von Anfang an (s. o.) keine Chance hatte.

Eine wirklich freie Entscheidung bei einem Vorhaben mit so großer Finanzierungsunsicherheit war so von vornherein nicht gegeben. Aus diesem Grunde sollten die Stadträte künftig bei Entscheidungen, die für die Stadtentwicklung, die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger sowie den städtischen Haushalt so immense Bedeutung haben, vom Fraktionszwang befreit werden.

Wie nicht anders zu erwarten, jubelten die Philharmoniker über diesen Umbau-Beschluss (DM vom 7. 4. 2012, S. 5). Ihr Chefdirigent, Michael Sanderling, wird mit dem Satz zitiert: „Mit der Entscheidung ist eine wichtige Entscheidung für die Dresdner Philharmonie als deutsches Spitzenorchester gefallen.“ Seltsam nur, dass die Dresdner Philharmonie sich nicht mit dem anderen Dresdner Spitzenorchester kurzgeschlossen hat, um sich gemeinsam mit der Staatskapelle für den Bau eines Konzerthauses als Heimstatt beider Klangkörper zu engagieren.

Große Begeisterung auch beim „Brückenmännchen“, das sich bereits im Umfeld des Baus der Waldschlößchen-Brücke als Parteigänger der Brückenbefürworter erwiesen hatte. Siegessicher verkündete es schon am 12. 4. 2012, wie die Leipziger Richter in der Urheberrechtsklage von Wolfgang Hänsch wahrscheinlich entscheiden werden (Sächsischer Bote, S. 4): „Die Aussage einer Expertenkommission, dass der Kulti-Umbau keinen Verstoß des Urheberrechtes darstellt, sieht den Architekten bei der vorgesehenen Urteilsverkündung (24. April) fast als Unterlegenen.“

Woher aber das Brückenmännchen die Gewissheit nimmt, dass der Kulturpalast-Umbau und das Kulturkraftwerk „ohne neue Schulden zu finanzieren“ ist, bleibt mir ein Rätsel. Ich bin da eher bei Gerhard Jakob, der in seinem Kommentar „Traum oder Albtraum“ (DM vom 5. 4. 2012, S. 4) realistisch festhält: „Wie fatal sich Traumschlösser auswirken können, zeigt das Desaster um die „Elbphilharmonie“ in unserer Partnerstadt Hamburg. Dort sprengen die Preisexplosionen inzwischen alle Vorstellungen und Kassen. Und eine Fertigstellung steht weiter in den Sternen. Wie sich nun herausstellte, hatte dort der damalige CDU-Bürgermeister das Megaprojekt mit dem Argument durchgepeitscht: Wenn nicht jetzt, dann wird das nie was. Fatalerweise dasselbe Argument, das gestern OB Orosz ins Feld geführt hat. Wollen wir hoffen, dass das kein böses Omen für Dresden ist. Wenn das Doppelprojekt klappt, ist das ein Traum für Dresden. Wenn nicht, wird es ein einziger Albtraum.“

Denn in der Tat: Was passiert, wenn die Finanzierung ins Wanken gerät und der Kulturpalast zur Investruine verkommt? Wo kommen dann Philharmonie, Bibliothek und Herkuleskeule unter, die unter ihren jetzigen Bedingungen angeblich keine Zukunftsperspektive haben? Bedeutet das gar im schlimmsten aller Fälle das Aus für die Philharmonie? Über diese und weitere sich daraus ergebende Fragen muss heute nachgedacht werden.

Dass Zweifel an der Realisierung des Kulturpalast-Projektes angebracht sind, bestätigt auch eine Meldung in der Dresdner Morgenpost vom 14. 04. 2012, wonach der FDP-Stadtrat Andre Schindler öffentlich darüber nachdenkt, Kulturpalast und Kulturkraftwerk auf den Prüfstand zu stellen, weil diese Gelder verschlängen, die dringend für den Bau von Kitas und Schulen benötigt würden. Zitat: „Da muss man auch den Mut zu unpopulären Entscheidungen haben und das eine oder andere Prestigeobjekt verschieben oder streichen.“

Aus diesen Gründen bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass die Sanierung im Bestand die innenstadtverträglichere und kostengünstigere Variante ist. Das schließt nicht aus, dass über ein Gesamtnutzungskonzept ohne Bibliothek und Herkuleskeule neu nachgedacht werden muss. Das am 4. 4. 2012 vom Stadtrat beschlossene Konzept aber degradiert sogar den Weinbergsaal zum Statisten. Dabei ist noch gar nicht sicher, ob dieser vom Publikum überhaupt angenommen wird. Unbestritten dürfte auch sein, dass die Philharmonie selbst unter den dann angeblich besseren Bedingungen ein Zuschuss-Geschäft bleiben wird.

Ein Mehrzwecksaal hingegen, der Name sagt es schon, dient mehreren Zwecken. Bei entsprechender brandschutztechnischer und akustischer Ertüchtigung würde er, wie bereits angedeutet, den bisherigen Nutzern gleich gute Bedingungen bieten, gleichzeitig aber auch das unsägliche Gegeneinander von sogenannter E- und U-Kunst beenden. Denn geradezu eine Beleidigung der Mehrheit der bisherigen Kulturpalast-Besucher ist es, wenn das Brückenmännchen diese in die weit entfernten Messehallen abzuschieben versucht: „Roland Kaiser, Musikantenstadl und Co. können von den Fans auch in der Messehalle bejubelt werden. Touristen ziehen diese Tourneen ohnehin kaum an.“ Als ob der Kulturpalast in der Vergangenheit nur Schlager und Volksmusik zu bieten gehabt hätte! Ich verweise nur auf das Dixielandfestival und die Tanzturniere.

Über all dem wird vergessen, was dieses Hin und Her für den Architekten des Kulturpalastes bedeutet.

Es ist beschämend, mit welcher Arroganz sich die Oberbürgermeisterin, die zuständigen Bürgermeister und große Teile der Stadträte anmaßen, einen Architekten, der sich große Verdienste beim Wiederaufbau der Stadt und der Stadtentwicklung erworben hat, zu demütigen, indem sie eines seiner bedeutendsten Bauwerke bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln lassen.

Es ist beschämend, dass die Sächsische Zeitung in ihrer umfänglichen Sonderausgabe „66“ (13. 04. 2012) Wolfgang Hänsch, der auch das „Haus der Presse“ projektiert hat, weder in ihrer Zeitleiste erwähnt noch in einem der zahlreichen Beiträge würdigt, wenn dort sogar Platz für einen ganzseitigen Artikel über Achim Menzel ist!

Und es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass ausgerechnet Meinhard von Gerkan, bei dessen Dresdner Rede am 1. März 2009 Wolfgang Hänsch die Vorrede hielt, von der Stadt mit der Um-Projektierung des Kulturpalastes beauftragt wurde.

Dass Freiheit ohne Verantwortung ein Irrglauben sei, schrieb ich eingangs. Und in der Tat: „Freiheit kann nie alleine stehen, sie muss immer von ihrer Zwillingsschwester namens „Verantwortung“ begleitet werden, damit beide am Schluss für den Einzelnen, wie auch für die Gesellschaft, nicht verloren gehen.“ (Christoph Giesa) Damit folge ich ausnahmsweise mal einem (links)liberalen Vordenker.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 15.04.2012 aktualisiert.
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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sie sprechen mir aus der Seele!
    Ein einziger “Interessenssumpf” im “rustikalen” Dresden. Wie ein zäher, klebriger Brei. Leider nicht nur im Bereich Kultur.
    Es fehlt Freigeist, Feinsinn und Augenmaß.

    Dr. Paul

    … schrieb Dr.Christian Paul am Montag, dem 16.04.2012, um 19:16 Uhr.

  2. Oder um es kurz zu machen… Dresden ist leider Provinz

    … schrieb 8060er am Donnerstag, dem 19.04.2012, um 08:37 Uhr.

  3. Parteienarroganz und Abgeordnetenprovinzialismus haben längst nicht nur Dresden sondern den Freistaat Sachsen im Griff. Danke Jörk Lucke

    … schrieb Dr. Börnicke am Freitag, dem 20.04.2012, um 11:58 Uhr.