Das neue Brückenmännchen

Samstag, 1. September 2012

Von Johannes Hellmich

Ich habe einen Bund mit meinen Augen geschlossen, dass ich der Brücke nicht achte. Und ich habe dem Allmächtigen ein Gelübde getan. Gestern. In größter, wenn auch nur ganz akuter persönlicher Not, fernab von Gossip und Politik: Lass diesen einen Kelch an mir vorübergehen, und ich verzichte darauf, ein Spottlied über die Brückenfreunde des Heiligen Nepomuk an der Waldschlösschenbrücke zu singen. Das lustige Thema hatte mich da schon längst gepackt: Nepomuk und WSB – was für eine Steilvorlage (Peter Hilbert/Bistums-Kanzler Christoph Pötzsch)! Nur, in welcher Liga?

Aber, so ist sie: die kleingläubige, schachernde Christenseele; Privat geht ihr vor Katastrophe. Der Text bleibt ungeschrieben, jedenfalls von mir. Kein Räsonieren über historische Wahrheiten, über Reformation und Gegenreformation in Böhmen, die „gebratene Gans“ Jan Hus und die Flammen des Johannes Nepomuk, über religiöse Reviermarkierung auf den Elbwiesen, den praktizierten Laizismus der Zastrow-FDP, „Unesco-Diktatur“, den 21. Artikel der Confessio Augustana, das Cuius regio, eius religio, Herbert Wagner und Kurt Biedenkopf, das „Kuratorium Welterbe Dresdner Elbtal“, Wolfgang Tiefensee, andererseits das Konkubinat des Bundespfaffen Gauck, der demnächst nach Dresden kommt, die sächsische Sehnsucht nach Oberbayern und so weiter und so fort.

Ich hatte freilich ein wenig Zweifel, ob dieses Schweigeopfer groß genug wäre. Ein paar Leute würden den Text mit Vergnügen lesen, andere resigniert überfliegen; die meisten zucken beim Thema eh mit den Schultern: Video et taceo. Nun, das private Unglück – blieb aus und ich halte mich an meinen Eid wie einst Beichtvater Nepomuk an das Sakrament. Daran würde selbstverständlich auch der Versuch nichts ändern, den lästigen Schmierfinken ein für alle Mal in der Elbe zu entsorgen: Ich bin ein ausgezeichneter Schwimmer.

Aber, das darf zuletzt doch gesagt werden: Vor dem Bundesverwaltungsgericht bleibt in Revision eine Entscheidung über die Rechtmäßigkeit der Brücke weiter offen. Noch immer lassen sächsische Umweltverbände die Umweltverträglichkeit des Verkehrszuges klären. Dabei brauchen sie weiter unsere Unterstützung. Grundsätzliche artenschutzrechtliche Fragen können nach vielen Jahren nun endlich außerhalb sächsischer Gerichtsbarkeit beantwortet werden.

Das Aufstellen weiterer Macht- und Glaubenssymbole im öffentlichen Raum wird für einen erfolgreichen Umwelt-, Landschafts- und Artenschutz nicht reichen. Deswegen will ich diese nicht geschriebene Polemik/Satire/Verbitterungsstörung nutzen, um Euch an die Unterstützung der Umweltaktivisten zu erinnern. Tragen wir weiter unser Scherflein zur Bewahrung der Schöpfung bei. Oder weiß jemand eine bessere Antwort auf das neue Brückenmännchen?

Spendenkonto GRÜNE LIGA Sachsen e. V.

Konto 161 231 0030
BLZ: 350 601 90
Bank: Bank für Kirche und Diakonie
Kennwort: Elbwiesen

Dieser Artikel wurde zuletzt am 02.09.2012 aktualisiert.
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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Schön Herr Hellmich wieder von ihnen zu hören!
    danke für diesen Beitrag, hab den gleichen Bund mit meinen Augen geschlossen, ein unerträglicher Anblick!
    wer irgendwie kann sollte für die Revision spenden.

    … schrieb Friedericke Faust am Samstag, dem 01.09.2012, um 22:09 Uhr.

  2. Der Nepomuk als Heiliger der WSB! Hat die einen Schutzheiligen etwa nötig? Na ja verschiedene Zweifel an deren Standfestigkeit und überhaupt an deren Sinnfälligkeit hat es ja gegeben – da sehe ich den Nepomuk für die WSB als “Wasser auf die Mühlen” dieser Zweifler. Vielleicht ist er an dieser Stelle ja auch als Karikatur gedacht?

    Einen ernst gemeinten Schutzheiligen hätten aber wohl vor allem das Blaue Wunder und die Albertbrücke nötig. Dank der Kosten, die die WSB verursacht und der immer größeren Fördermittelkürzungen bei Land und Bund sind die ja vielleicht nur noch durch überirdische Kräfte vor dem Verfall zu retten.

    Ja und die Elbwiesen, die durch die WSB massakriert wurden … – aber vieleicht sollten wir uns da lieber nicht auf himmlische Hilfe verlassen und lieber mit einer Spende die Umweltschützer auf das o.g. Konto unterstützen.

    … schrieb Silvia Friedrich am Sonntag, dem 02.09.2012, um 19:54 Uhr.

  3. Zur Erinnerung:
    Heinrich von Kleist, E.T.A Hoffmann, C.D. Friedrich, Erich Kästner – die Aufzählung ließe sich fast endlos fortführen- waren von der Gegend um das Waldschlösschen fasziniert und fanden dort Inspiration. Dass diese Landschaft nun unwiederbringlich verschandelt ist, geht auf das Konto einer vermeintlichen Bevölkerungsmehrheit, deren Hauptgötze bisher ihr Automobil gewesen ist. Als würde das nicht reichen, soll nun auch noch der heilige Nepomuk bemüht werden. Ein Heiliger, der mindestens im Verdacht steht, eine “Erfindung” Roms zur Unterdrückung der reformatorischen Bewegung um Jan Hus gewesen zu sein. Ein schon immer umstrittener “Heiliger” vor der umstrittensten Brücke Deutschlands mitten im Mutterland der Reformation. Wo ist bloß das Geschichtsbewusstsein der Dresdner geblieben, die sich doch so viel auf die Geschichte ihrer Stadt einbilden!
    Fast schon eine Stilblüte ist die Tatsache, dass Nepomuk auch der Schutzpatron des Beichtgeheimnisses und der Verschwiegenheit ist. Ein Schelm, wer in Bezug auf eine seit Jahren überwiegend katholische Landesregierung und ihr “Lieblingskind” Waldschlösschenbrücke bzw. der damit verbundenen Lobbypolitik böses denkt!
    Rainer Maria Rilke jedenfalls erkannte schon 1895:
    “Aber diese Nepomuken!/ Von des Torgangs Luken gucken/ und auf allen Brucken spuken/ lauter, lauter Nepomuken!“

    … schrieb Martin Deppe am Mittwoch, dem 05.09.2012, um 16:34 Uhr.