Die Wundheilerin

Samstag, 20. Oktober 2012

Von Johannes Hellmich

Denni Klein: Womöglich ist Abstand auch besser nach dem Desaster von 2008.
Helma Orosz: Natürlich denken viele beim Stichwort Welterbe und Dresden an den damaligen Konflikt. Die emotionalen Wunden sind tief. Es sind einige Fehler gemacht worden, aus denen die Initiatoren der heutigen Bewerbung von vornherein lernen können. [...] Ich bin überzeugt: Ein neuer Welterbetitel für Dresden kann diese Wunden heilen.

Denni Klein: Welche Fehler sind gemacht worden, die es zu vermeiden gilt?
Helma Orosz: Aus meiner Sicht gab es vor allem Kommunikationsprobleme. Nicht alle haben die notwendigen und die richtigen Informationen erhalten, um die Sachlage zum Bau der Waldschlößchenbrücke einschätzen zu können. Es fehlte an Vertrauen. Das war auf den letzten Metern nach Sevilla nicht wiederzugewinnen und hat zu der Aberkennung geführt. [...]

Denni Klein: Was läuft diesmal anders in der Kommunikation?
Helma Orosz: Wie schon gesagt: Es fängt mit dem Ursprung der Bewerbung in der Bürgerschaft an. Sie ist bei den Dresdnern verwurzelt. Das ist ein hervorragendes Pendant zur verwaltungsregulierten und durch Parteiengezänk erschwerten Situation um die Brücke. [...]

Denni Klein:Wie hilft Helma Orosz der Bewerbung ganz persönlich?
Helma Orosz: Ich werde Botschafterin dieser Bewerbung sein und auf allen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ebenen für Hellerau werben. Wir brauchen Multiplikatoren, die die Begeisterung für diese Bewerbung in die Gremien der Unesco tragen. Denn klar ist, dass dieses besondere Ensemble noch bekannter werden muss. Wir werden es mit der starken touristischen Marke unserer Stadt international platzieren. Damit werde ich unsere Marketing-Gesellschaft beauftragen, um auf die Gartenstadt, das Festspielhaus oder auch die Deutschen Werkstätten Hellerau mit ihrer Geschichte über Deutschlands Grenzen hinaus aufmerksam zu machen. Auch bei Tagungen und Kongressen in unserer Stadt sollen Besucher von der Faszination Hellerau erfahren. [...]

Denni Klein: Haben Sie Angst vor einem erneuten Scheitern Dresdens mit dem Thema Welterbe?
Helma Orosz: Nein. Die Bewerbung tut Dresden für die Verarbeitung des Titelverlusts gut. Ein neuer Titel wäre eine tolle Belohnung. Ich bin sicher, dass es um Hellerau eine andere, eine positivere Diskussion als bei der Waldschlößchenbrücke bei den Dresdnern gibt und letztlich die Stadt durch die Bewerbung nur gewinnen kann.

Sächsische Zeitung, 5. Oktober 2012

Dass sich jene Verantwortlichen für die Streichung des Dresdner Elbtals von der Liste der Welterbestätten im Jahr 2009 (!) den angerichteten Schaden so lange zurechtlügen, bis nur Kommunikationsprobleme übrigbleiben, überrascht wohl kaum. Auch nicht, wie der brutale Wille zur Macht, der in Dresden eine breite – bei den Dresdnern nicht weniger „verwurzelte“ – Bürgerschaftsbewegung zur Rettung des Welterbes politisch, juristisch und medial niederdrückte, bei Helma Orosz zum Parteiengezänk umgedeutet wird, da sich im Konflikt nun gerade eher kulturell engagierte Bürger – erfolglos – gegen eine übermächtige Partei zur Wehr setzten. Die unbedarfte Annahme der Oberbürgermeisterin aber, ein neuer Welterbetitel könne „Wunden heilen“, darf nun doch nicht ganz unwidersprochen bleiben, umso weniger, als im Medienbetrieb aus der Möglichkeitsform leicht vollendete Tatsachen werden – etwa: Titelverlust verarbeitet. Wunden geheilt. Dresden mit neuem Titel belohnt.

Abgesehen von der erwarteten Rekonvaleszenz welterbegeschädigter Dresdner hat sich Helma Orosz beim Thema, selbst wenn sie „einige Fehler“ einräumt, seit ihrem Auftritt in Sevilla kaum bewegt. Aufhorchen ließe immerhin ihr Hinweis im Bürokratensprech, dass „nicht alle die notwendigen und richtigen Informationen“ erhalten hätten, wenn sie denn damit meint, dass die UNESCO-Kommission über die Dimension des vierspurigen Brückenbauwerks in sensibler Landschaft, in der doch laut Bewerbung niemand „main traffic arteries“ plante, im Unklaren gelassen wurde. Bisher war nach Lesart unserer Brückenfreunde UNESCO stets bestens informiert und Missverständnisse eher Schlamperei und Oberflächlichkeit innerhalb der Uno-Behörde geschuldet.

Die Verschleierung der Schwere des Eingriffs ins Elbtal aber war sicherlich kein Kommunikationsproblem, wie Orosz glauben macht, sie war ebenso absichtsvoll wie andererseits der – später offen eingestandene – grundsätzliche Widerwille der Landesregierung gegen das Welterbe. Dieser Widerwille wurde zu einer jener ungünstigen Voraussetzungen, die Helma Orosz nun in Hellerau ein „hervorragendes Pendant“ sehen lässt und die freilich dort fehlen, wo man aus Gründen politischer Opportunität sogar mit besonderem Wohlwollen rechnen darf.

Spätestens aber seit dem Aachener Gutachten 2006, das eine drohende irreversible Schädigung des Elbtals am Waldschlösschen prognostizierte – und recht behielt – und das zur Grundlage für die Streichung wurde, gab es keine Kommunikationsdefizite mehr, sondern klare Ansagen, die in Dresden allerdings nur bei Teilen der Bürgerschaft gehört wurden: Würde Dresden keinen Kompromiss finden, wäre ein Verlust des Welterbeprädikats unvermeidlich. Allein auf Regierungsseite, wo nicht Parteigezänk, sondern knallharte Parteidoktrin das Brückenbauwerk als Sieg der Demokratie über vermeintlich linksgrüne Verkehrsblockierer um jeden Preis durchsetzen wollte, war man sicher; UNESCO würde es um der eigenen schwachen Sanktionsmöglichkeiten willen nicht wagen, ein Welterbe der zahlungskräftigen großen deutschen Kulturnation tatsächlich abzuerkennen, ja, Dresden würde alle Jahre wieder eine weitere letzte Chance erhalten.

Bekanntlich schlug anfängliche Überheblichkeit um in offene Ablehnung und Feindschaft gegenüber der UNO-Organisation. Helma Orosz war deshalb wahrscheinlich die einzige, die möglicherweise wirklich noch glaubte, sie könne ihr Wahlkampfversprechen, Brücke und Titel für Dresden zu erhalten, irgendwie erreichen, obwohl die Reaktionen auf den sogenannten Burgerbrücken-Kompromiss solche Illusionen eigentlich kaum rechtfertigten. Auch der Vertrauensverlust auf Seiten der UNESCO war also kein Kommunikationsproblem, sondern Folge der paranoiden Bunkermentalität einer zunehmend auf Konfrontation gepolten Regierungspartei.

Vergeben und vergessen?

Es mag ja sein, dass der Welterbeantrag fürs Elbtal aus den Behörden kam; das aber ist unerheblich, denn getragen wurde dieses Welterbe natürlich von den Dresdnern. Dass es vielen schließlich doch zur Last und verzichtbar wurde, hatte ja seinen Grund in einer beispiellosen Verhetzung der UNESCO durch Sachsens Christ- und Freidemokraten, denen eine devote Lokalpresse bereitwillig die nötige Plattform bot. Die breite Akzeptanz, die das Welterbeprädikat für viele Dresdner besaß, schwand, als  Orosz‘ Partei die UNESCO zum diktatorischen, undemokratischen Popanz aufbaute, der mittels lebensfremder Denkmalpfleger Dresden eine Glocke überstülpen und zur toten Museumsstadt erklären wollte.

Jene Dresdner jedenfalls, die monatelang zu Tausenden zu den Kundgebungen an der Frauenkirche kamen, Veranstaltungen organisierten, in Mahnwachen am Rathaus und anderswo Vernunft und Kompromissbereitschaft einforderten, um den drohenden Welterbeverlust doch noch abzuwenden, die am Welterbetag auf eigene Kosten Feste veranstalteten, während Stadtverwaltung und Land betreten schwiegen, haben bezeichnenderweise nie vom Welterbe-Titel gesprochen. Für viele war und ist es schlicht unfassbar, wie eine junge Demokratie, die alles besser machen wollte, ohne Not eine kostbare Landschaft zerstört und dabei kaltschnäuzig internationale Verpflichtungen bricht. Diese Wunden heilt auch ein neuer Titel nicht, so wenig, wie eine Bewerbung Helleraus die Aufarbeitung des Dresdner Welterbekonfliktes ersetzen kann, von bis heute fehlenden – auch personellen – Konsequenzen zu schweigen.

Tatsächlich wäre der Titel, käme er denn, nur eine weitere Demütigung. Geheilt würde allenfalls die gekränkte Renommiersucht der für seinen früheren Verlust Verantwortlichen, die sich freilich gern mit Titeln aller Art schmücken und nun Gelegenheit erhalten, Spuren ihres Treibens zu verwischen. Wesentliche Werte aber bleiben ihnen fremd, austausch- und ersetzbar. Aus Wertebewusstsein haben sie deshalb längst Markenbewusstsein gemacht.

Die Zusage der UNESCO, nach der Streichung von der Welterbeliste Dresden die Möglichkeit einer erneuten Bewerbung zu eröffnen, war selbstverständlich auch Hoffnung auf Vernunft und Reservierung für eine Rückkehr des befriedeten Elbtals. Nun schickt sich eine forsche Hellerauer Interessengruppe an, diesen Platz einzunehmen. Verhindern können wir es nicht. Besser aber wäre, dieser Stuhl bliebe frei.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Er spricht mir aus der Seele.

    Gruß Silvia Friedrich

    … schrieb Silvia Friedrich am Samstag, dem 20.10.2012, um 15:58 Uhr.

  2. Die Reduktion des Welterbedesasters in Dresden auf Kommunikationsprobleme ist die typische LOI. Lingua Orosz Imperii.

    … schrieb Thomas Löser am Sonntag, dem 21.10.2012, um 22:43 Uhr.

  3. Danke für den wunderbaren Beitrag, Johannes Hellmich!

    … schrieb Friedericke Faust am Sonntag, dem 28.10.2012, um 12:43 Uhr.